„Nur scheinbar steht’s Momente still...“

Aus dem Chemieunterricht der 11. Klasse

Auch beim noch so nostalgischen Betrachten von Babyfotos unserer Kinder würde niemand auf die Idee kommen, dass wir da absolut stimmige Wesensabbilder der kleinen Menschen in den Händen halten. Jedem ist klar, dass nur der Bruchteil einer Sekunde getroffen worden ist; so oder so hat der Fotografierte unter einem bestimmten Lichteinfall, in einer bestimmten Umgebung, aus einer bestimmten Blickrichtung für eine Fünfzigstel- oder Hundertstelsekunde einmal ausgesehen. So ist er oder sie zu diesem Zeitpunkt „in Erscheinung getreten”. Man kann noch so interessante Vergleiche, Deutungen und Mutmaßungen an diese „Lichtbilder” anschließen: das Wesen des Abgebildeten bleibt dennoch im Verborgenen.

Ein anderes Beispiel: Sicherlich haben Sie auch schon die großartigen Farbfotoserien imposanter Bäume in den verschiedenen Jahreszeiten gesehen. Immer hat der Fotograf denselben Baum vom selben Standpunkt aus aufgenommen: im Frühling, im Sommer, im Herbst, im Winter; am Morgen, am Mittag und am Abend. Natürlich erkennt man den Baum problemlos auf jedem Foto wieder, und dennoch erscheint er jeweils etwas verändert. Einmal war das Licht so, einmal so, mal erschien der Baum wuchtiger, mal graziler usw. - Welcher ist denn nun eigentlich der „richtige” Baum? Wie sieht er denn „tatsächlich” aus? Kann man überhaupt einen „ganzen” Baum sehen, wenn man dieses ständige Verändern zum Wesen des Baumes bewusst hinzunimmt? -Lauter interessante Fragen, wenn man darüber nachzudenken beginnt. Rasch wird einem klar, dass Lebens- und Wachstumsvorgänge immer nur als zeitlicher Veränderungsvorgang begriffen werden können. Nichts Lebendiges bleibt stehen; - könnte man es festhalten, würde es noch im Moment des Festhaltens abzusterben beginnen. Wie heißt es in dem Gedicht „Eins und Alles” von Goethe?

...Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich’s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun...“

Und weiter unten:

„... Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht’s Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.“

So weit, so gut!

Aber gilt dieser Grundsatz denn auch für die Chemie der unbelebten Natur, der Stoffe, die aus der Welt der Mineralien und Gesteine stammen? Hier herrscht doch wohl Ruhe und Verlässlichkeit! Denken Sie etwa an die klare Schönheit eines Kristalls, wie ihn der Schwefel hervorbringt.

Der Eindruck täuscht! - Erwärmt man nämlich den Schwefel z. B. in einem großen Reagenzglas, so beginnt bald ein aufregendes Schauspiel: Die Kristalle verlieren ihre Form, sie zerfließen. Gleichzeitig verändert sich die Farbe des Stoffes von grünlich blassgelb zu rötlichem Sattgelb. Die Schmelze ist von dünnflüssiger Konsistenz, sie scheint sogar etwas leichter und behender zu fließen als Wasser! Mit zunehmender Temperatur allerdings wird sie dickflüssiger und nimmt dabei eine warme Bernsteinfarbe an. An der kühleren Glaswand weiter oben setzen sich bereits feinste hellgelbe Schwefelstäubchen ab, die sog. Schwefelblüte oder -blume. Hier ist der Schwefel vom gasförmigen direkt in den festen Aggregatzustand übergegangen, er ist resublimiert, wie die Chemiker sagen. Die flüssige Phase wurde dabei übersprungen. In der Wärme weiter unten im Glas bahnen sich aber neue Veränderungen an: Die Bernsteinfarbe wird immer dunkler und nimmt nun einen vollen Rotton an, wie bei einem schweren Rotwein. Eigentlich könnte man hier innehalten, aber die Neugier treibt einen weiter. Was ist das nächste Stadium? Aus dem Rot wird erwartungsgemäß ein Braun, aber paradoxerweise nimmt die Zähflüssigkeit bei ansteigender Temperatur zu (und nicht etwa ab, wie man es sonst an dem alltäglichen Umgang mit Stoffen eher kennt)! Ein kaum fließfähiges, überaus zähes, klebriges Harz ist aus den schönen Kristallen geworden.

Wie schade! Aber nun ist ohnehin nichts mehr zu verderben, jetzt wird geheizt, was das Zeug hält! Und siehe da, das tiefbraune, fast schwarze Harz wird wieder leicht flüssiger, lässt sich ausgießen. An der Reagenzglasöffnung fängt das „vulkanisch” riechende Rinnsal Feuer; hellblau leuchtend fällt der brennende Schwefelfaden in die darunter gestellte Glaswanne mit Wasser. Zischend erlöschen die beißenden Rauch verbreitenden Flammen (dieser wird ständig mit dem Gebläse abgesaugt), und im Wasser ist eine unterkühlte Schmelze von darmschlingenähnlichem Aussehen zurückgeblieben. Der Schwefel wurde „abgeschreckt”. Den entstandenen plastischen Schwefel kann man kauen und dabei seine gummiartig elastische Konsistenz erfahren. Erstaunlicherweise wird er beim Kauen fest und wieder hell und blassgelb. Ebenso lassen sich beim langsamen Abkühlen alle Zustände, die bei der Wärmezufuhr sichtbar geworden waren, in umgekehrter Reihenfolge wieder beobachten. Die jeweilige Erscheinungsform, in der Chemie heißt das „Modifikation”, ist von dem Umgebungsbedingungen, insbesondere von der Temperatur abhängig.

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Immer ist es ausschließlich der Schwefel, der sich darstellt (außer bei der Verbrennung, wenn Schwefeloxide, also neue Stoffe entstehen). Und die vorstehende Schilderung gibt nur einen Ausschnitt der Versuche, die zur Monographie, zur Charakterisierung des Schwefels machbar sind, wieder. Eine erstaunliche Erscheinungsvielfalt ist für dieses chemische Element aufzeigbar, vorführbar. Nicht von ungefähr spricht man in der Chemie vor der Darstellung eines Elements, nicht von dessen Herstellung. Denn immer ist es ja schon vorhanden, wenn auch in der Bindung an andere Grundstoffe und damit mitunter ganz unerkenntlich. Aber durch entsprechende Behandlung ist es eben darstellbar! Nun stellt sich wiederum die Frage: Wenn der Schwefel in so unterschiedlichen Formen erscheinen kann, was ist er denn dann eigentlich? Ein Elftklässler hat auf diese Frage einmal geantwortet: „Alles und nichts”, gemeint war, der Schwefel ist alle Modifikationen und doch keine. Das klingt absurd, war aber ganz ernsthaft ausgesprochen und zielt auf den Kern der Sache: „...Der Schwefel hat keine für ihn ‚typische’ Erscheinungsform. Vielmehr ist für ihn eben typisch, dass er, je nachdem, welche Bedingungen herrschen, in immer anderen, nur durch zusammenfügendes Denken zu verstehenden Erscheinungsformen auftritt”, schrieb eine Schülerin in einem Aufsatz. Und eine andere formulierte: „...Die jeweilig sichtbare Form des Schwefels ist also nur wie eine Momentaufnahme eines sich fortlaufend verändernden Elements. So kann der Schwefel nur durch Gedankenverbindungen ganz erfasst werden und darf nicht am augenblicklich Sichtbaren festgemacht werden...“

Um die Erarbeitung des Begriffes Schwefel war und ist es gegangen, im allerweitesten Sinne, um eine Charakterisierung, um Gestisches und Wesensmäßiges dieses Elements. - In den Schülern möge ein Gefühl dafür entstehen, dass die Stoffe eigentlich festgehaltene Prozesse sind, so hat Rudolf Steiner den Lehrern der ersten Waldorfschule in seinen Lehrplanangaben geraten, als er über die Chemieepoche der 11. Klasse sprach.

Um die Erübung und Pflege lebendigen Denkens geht es natürlich nicht nur in der 11. Klasse. Auch in allen anderen Stufen ist das - auf den jeweiligen Entwicklungsstand abgestimmt - wichtiges Anliegen der Erziehenden. Aber die Inhalte und Methoden der 11. Klasse sind besonders dem Idealen und Idealistischen gewidmet. Die Ideenwelt - selbstverständlich mit ihren ganz praktischen Auswirkungen - steht im Mittelpunkt. Es geht im wahrsten Sinne darum, Ansichten, Aspekte von der Welt zu gewinnen, Ideen aufzuspüren, zu fassen, lebendig nachzuverfolgen und auf neue zu kommen. In ihrer seelisch-geistigen Offenheit für die Ideenwelt sind Elftklässler geradezu prädestiniert für die subtile Arbeit an solchen Fragen. Es sind ja die Lebensfragen ihres Lebensalters.

In der Chemieepoche werden außer den Monographien wichtiger chemischer Elemente die chemischen Grundgesetze behandelt, die Entwicklung der Formelsprache wird nachverfolgt, die wichtigen Begriffe zur Aufstellung von Formeln und zur Berechnung von Massen und Volumina werden abgeleitet. Auch die Atomtheorie, das Periodensystem der Elemente, die Radioaktivität (die von den Physikern sozusagen vom physikalischen Aspekt ebenfalls in der 11. Klasse behandelt wird!), die Bindungslehre sind Themen dieser Klassenstufe. Beim unterrichtlichen Vorgehen wird hierbei der wissenschaftshistorische Weg beschritten - natürlich exemplarisch; immer soll deutlich und nachvollziehbar bleiben, welche Phänomene und gefundenen Gesetzmäßigkeiten die jeweiligen Menschen zu bestimmten Gedanken, Theorien und Modellen veranlasst haben. Die Verschiedenartigkeit von Anschaubarem, Wahrnehmbarem, Geschlussfolgertem und Theoretischem soll klar herausgearbeitet und erlebt werden. Die Wahrnehmungsfähigkeit wird geschult durch exakte aber charakterisierende Beschreibungen des in den Versuchen Gesehenen, Gehörten, Geschmeckten, Gerochenen. Wodurch spricht sich jeweils ein bestimmtes chemisches Element aus?

Eine scharfe Trennung von sinnlich Erfasstem und Erfassbarem und dazu Gedachtem ist im Erkenntnisprozess unerlässlich; sonst purzelt alles durcheinander, und man merkt schließlich nicht einmal mehr, was man alles in das Beobachtete „hineindenkt”. Die hygienische „Unterscheidung” lässt einerseits die bewunderungswürdigen Gedankengebäude der Theorien erst richtig schätzen lernen und legt andererseits nicht schon früh den fatalen Schluss nahe, Sinnlich-Wahrnehmbarem sei eigentlich nicht zu trauen, die Wirklichkeit läge eben doch ausschließlich in den kleinen Wolkenkügelchen der Atome, wie sie in den Chemiebüchern auf Hochglanzpapier zu bestaunen sind.

Wie heißt es in einem weiteren Goethe-Gedicht, das im rhythmischen Teil des 11.-Klassenunterrichts sprechend gelernt werden kann?

„... Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sich dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig,
Und wandle, sicher wie geschmeidig,
Durch Auen reichbegabter Welt...“

Es geht eben bei allem darum, dass die jungen Menschen sich nicht entfremden von der Welt, sondern dass sie das geistig Wirkende wieder entdecken, dass sie sich beheimatet fühlen können auf unserer Erde! Das liegt allem unterrichtlichen Bemühen in den Waldorfschulen zugrunde. Überall! In jedem Fach! Und in der Chemieepoche der 11. Klasse in der skizzierten Weise.

So mögen am Schluss dieser Ausführung die beiden Gedichte von J. W. Goethe „Eins und Alles” und „Vermächtnis” stehen.

Hagen Henning

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruss;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt lästgem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuss.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend höchste Meister
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich’s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht’s Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

Johann Wolfgang Goethe

Vermächtnis

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig, denn Gesetze
Bewahren die lebendigen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Das Wahre war schon längst gefunden,
Hat edle Geisterschaft verbunden;
Das alte Wahre, fass es an!
Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,
Der ihr, die Sonne zu umkreisen,
Und dem Geschwister wies die Bahn.

Sofort nun wende dich nach innen,
Das Zentrum findest du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen;
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.

Den Sinnen hast du dann zu trauen;
Kein Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig,
Und wandle sicher wie geschmeidig
Durch Auen reich begabter Welt.

Genieße mäßig Füll und Segen;
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.

Und war es endlich dir gelungen,
Und bist du vom Gefühl durchdrungen:
Was fruchtbar ist, allein ist wahr -
Du prüfst das allgemeine Walten,
Es wird nach seiner Weise schalten,
Geselle dich zur kleinsten Schar.

Und wie von alters her, im Stillen,
Ein Liebewerk nach eignem Willen
Der Philosoph, der Dichter schuf,
So wirst du schönste Gunst erzielen:
Denn edlen Seelen vorzufühlen
Ist wünschenswertester Beruf.

Johann Wolfgang von Goethe

Hagen Henning
Hagen Henning

Der Autor ist seit dem 1. August 2013 Kollegiumsmitglied der „Waldorfschule Silberwald“ in Stuttgart Sillenbuch.