Deutsch Klasse 5: Lebendige Grammatik
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Übung zu Adjektiv und Adverb
Während der Deutschepoche der fünften Klasse beschäftigten wir uns unter anderem mit dem Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb. Dies kann ein sehr trockenes Unterfangen sein, muss es aber nicht. Die Kinder kannten Eigenschaftswörter schon seit der dritten Klasse. Es waren Wörter, die uns damals beschrieben, wie Gott die Welt und die Wesen, die sie bewohnen, geschaffen hat, zum Beispiel die schweren, harten Steine, die duftenden Blumen, die munteren Tiere und die wunderbaren Menschen. „Wie-Wörter“ hatten wir sie auch genannt, weil sie uns sagten, wie die Dinge sind. In der fünften Klasse ging es nun darum, den Unterschied zwischen den Eigenschaften für Wesen und Dinge und den Eigenschaften für Tätigkeiten erlebbar zu machen. Dabei kann man sich als Lehrer ruhig bewusst machen, dass man es bei Fünftklässlern mit „Jugendlichen im Frühstadium“ zu tun hat, die im Lauf des Schuljahres spürbar zu pubertieren beginnen werden. Es wird sich jetzt also kaum noch um „schwere Steine“, „duftende Blumen“ und „muntere Tiere handeln“ handeln können, wenn man dieses Kapitel angeht.
Zunächst sammelten wir in ganz freier Weise Eigenschaften für alles Mögliche. Die Kinder fanden so viele Beispiele, dass gar nicht alles auf der Tafel Platz hatte. Anschließend sortierten wir die Sammlung nach den Kriterien "Eigenschaften für Dinge" und "Eigenschaften für Tätigkeiten". Nachdem wir zu spüren begannen, worin der Unterschied besteht, beschlossen wir, unsere neuen Erkenntnisse an etwas „Richtigem“ auszuprobieren. Eine Geschichte sollte es werden, aber was für eine? Wir überlegten eine Weile hin und her, trugen Ideen zusammen, verwarfen sie wieder und einigten uns schließlich darauf, dass wir einen Krimi schreiben wollten.
Ganz wichtig erschien uns der Anfang der Geschichte. Während wir uns darüber unterhielten, kamen wir auf den Gedanken, dass es ein guter Einstieg wäre, die Umgebung zu beschreiben, in der die Handlung spielen sollte. Düster, unheimlich und gefährlich sollte der Schauplatz sein. Je mehr wir uns die Szenerie ausmalten, desto tiefer gerieten wir in den Prozess und auf einmal waren wir mitten drin. Wir sahen die örtlichen Gegebenheiten regelrecht vor uns, wir waren Teil des Geschehens, das sich nun entfalten sollte. Ich brauchte nur noch eine Spielregel zu formulieren und es konnte losgehen. Die Regel lautete: möglichst jede Person, jedes Ding und jede Handlung sollte eine Eigenschaft zugewiesen bekommen. Natürlich behandelten wir das nicht pedantisch, hielten uns jedoch daran, wo es sich anbot.
Im Verlauf dieses Prozesses entwickelten die Schüler erstaunliche Strategien. Sie merkten bald, dass es unter Umständen nicht so gut ist, gleich alles niederzuschreiben, was einem einfällt. Daher gingen sie dazu über, für die einzelnen Dinge und Tätigkeiten, die in dem Krimi vorkamen, verschiedene Eigenschaften zu sammeln und dann die passendste auszuwählen. Sie spielten mit den Worten, stellten sich vor, wie es wäre, wenn man so oder so formulierte und kamen dann gemeinsam zu einer Entscheidung.
Für dieses Spielen mit den Worten ließen wir uns Zeit, denn hier geschah genau das, worauf Rudolf Steiner meiner Ansicht nach Wert legte. Die Kinder spürten die Magie, die in Worten liegen kann, sie merkten, wie sich atmosphärisch etwas veränderte, je nachdem, welche Eigenschaftswörter oder Adverbien sie wählten und sie erlebten, wie sie selbst Teil der Geschichte wurden, indem sie sich diesem Prozess hingaben. Es konnte dann sein, dass wir am Ende einer Stunde nur einige wenige Sätze formuliert hatten, aber das war nicht so wichtig. Das Erlebnis des Prozesses war es, was zählte.
Eine zweite, interessante Wendung nahm die Arbeit, als die Schüler merkten, dass man das Ende des Krimis am Anfang noch gar nicht kennen musste. Mit jeder neuen Unterrichtsstunde, mit jedem neuen Einfall eröffneten sich neue Wege, sowohl den Schauplatz, als auch die Handlungen betreffend. Wir betrieben dieses Projekt während einiger Übstunden, so dass immer eine Hälfte der Klasse etwas erarbeitete, was dann in der nächsten Stunde die andere Hälfte aufgriff und weiterführte. Dadurch entstand eine gewisse Spannung, weil es jedes Mal überraschend und anregend war, was die jeweils andere Gruppe erarbeitet hatte. Hier nun das Ergebnis, wie es sich Schritt für Schritt aus den einzelnen Übstunden ergab.
1. Wie ist der Tatort beschaffen?
Der Mann trug einen alten Regenmantel mit hochgeschlagenem Kragen. Der dunkle Schlapphut mit breiter Krempe schützte ihn vor dem strömenden Regen. Ein eisiger Wind pfiff durch die menschenleeren Straßen. Halb zerfallene Häuser waren im flackernden, trüben Licht der wenigen Straßenlaternen zu sehen, die regennasse Fahrbahn war von zahlreichen Schlaglöchern übersät.
In der Dunkelheit der düsteren Hauseingänge und Seitenstraßen huschten hier und da geheimnisvolle Schatten. Ein loser Fensterladen klapperte im Wind, von ferne war das helle Klirren einer zersplitternden Flasche zu hören.
Überquellende Mülleimer standen am Straßenrand. Übler Geruch wehte dem Mann entgegen. Aus einem verrosteten Lüftungsschacht schlichen große Ratten, die an den zerbeulten Mülleimern empor kletterten.
2. Was geschieht?
Der Mann mit dem Schlapphut schaute sich suchend um. Angespannt lauschte er in die Stille der dunklen Straße, die hinter ihm lag. Er hörte den Wind beständig pfeifen und da... was war das? Er hörte das Echo von Schritten einer Person, die offenbar hastig durch eine der Seitenstraßen rannte. Angstschweiß stand kalt auf seiner Stirn. Der Verfolger war ihm schon dicht auf den Fersen. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Er musste sein Auto schnellstens erreichen, sonst war er sicher verloren. Er stand dicht an die Wand gepresst und keuchte schwer. Rasch entschlossen duckte er sich und machte sich bereit.
Unglücklicherweise berührte er mit der Schulter die Klingelknöpfe an der Wand des Hauseinganges, in dem er stand. Erschrocken fuhr er zusammen. Mehrere Fenster öffneten sich geräuschvoll und verschiedene Stimmen fragten erbost nach dem Grund der Ruhestörung.
Der Mann mit dem Schlapphut hielt sekundenlang den Atem an. Auch der Verfolger hatte offenbar angehalten und lauschte nun aufmerksam, um den Standort seines Opfers herauszufinden. Plötzlich klickte es leise, etwa 20 Meter entfernt. Der Verfolger entsicherte anscheinend seine Pistole. Dann kamen die Schritte langsam näher.
Hastig blickte der Mann mit dem Schlapphut sich um. Im Halbdunkel des Hauseinganges bemerkte er, dass die Haustür nur angelehnt war. Aufatmend zwängte er sich durch den Türspalt ins Innere. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Eine alte Holztreppe führte in den dunklen Keller hinab. Rasch zog er sein Feuerzeug aus der Manteltasche und entzündete es. Im flackernden Schein der Flamme schritt er vorsichtig abwärts. Die Stufen knarrten ächzend unter seinem Gewicht. Am Fuße der Treppe gelangte er in einen langen, dunklen Gang. Tastend schritt er vorwärts. Auf einmal vernahm er ein eigenartiges Summen, das an Stärke zunahm. Er lief schneller und hoffte verzweifelt, einen Ausgang zu finden. Da hörte er hinter sich wieder die Schritte. Sie klangen seltsam, fast wie das Ticken einer Uhr. Als er sich suchend umschaute, wehte ein Luftzug die Flamme seines Feuerzeugs aus. Er wollte laut um Hilfe schreien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Seine Augen weiteten sich entsetzt, da erwachte er.
Der alte Wecker auf dem Nachttisch summte laut. Es war sieben Uhr, Zeit zum Aufstehen.
3. Das Ende der Geschichte
Niemand hätte am Anfang des Unternehmens gedacht, welches Ende die Geschichte nehmen würde. Es war schön, die Überraschung zu erleben, als wir auf diesen Schluss kamen. Es herrschte eine heitere, gelöste Stimmung. die Kinder erinnerten sich zum Teil, dass sie Träume gehabt hatten, die ähnlich bedrohlich gewesen waren und erzählten munter drauf los.
Ganz nebenbei hatten wir auch gelernt, was der Unterschied zwischen Adjektiven und Adverbien ist. Sie sind uns nun gute Bekannte, die wir mit Namen kennen und mit denen wir umgehen können. Natürlich gerät so ein Erlebnis allmählich in Vergessenheit und muss hin und wieder aufgefrischt werden, aber das ist eine andere Geschichte.
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„Rudolf Steiners Lehrplan für die Waldorfschulen“ von E. A. Karl Stockmeyer
... Die Grammatik sollte im Grunde genommen ganz lebendig gelehrt werden, so lebendig gelehrt werden, dass man die Voraussetzung macht, sie ist ja schon da, wenn das Kind spricht. (S. 49)
... Man lässt das Kind Sätze aussprechen, die ihm ganz liegen, deren inneren Zusammenhang und innere Plastik das Kind fühlt. Und dann beginnt man damit, das Kind aufmerksam zu machen, wie das bewusst werden kann, was es unbewusst vollzieht usw. (S. 49)
... Mit dem Grammatik-Lernen und -Lehren haben wir im wesentlichen die Tendenz zu verfolgen, das Aufwachen des Kindes zu fördern, das Bewusstwerden zu fördern - also innere Kräfte, die sich entwickeln können gerade um das 9. Lebensjahr herum -, in dem Sinne, wie ich das charakterisiert habe. Wir müssen das Element des Sprach-Unterrichts dazu benützen, um fortwährend das Kind weiter aufzuwecken. (S. 50)
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Im Verlauf dieses Prozesses entwickelten die Schüler erstaunliche Strategien. Sie merkten bald, dass es unter Umständen nicht so gut ist, gleich alles niederzuschreiben, was einem einfällt. Daher gingen sie dazu über, für die einzelnen Dinge und Tätigkeiten, die in dem Krimi vorkamen, verschiedene Eigenschaften zu sammeln und dann die passendste auszuwählen. Sie spielten mit den Worten, stellten sich vor, wie es wäre, wenn man so oder so formulierte und kamen dann gemeinsam zu einer Entscheidung.
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- Bernd Kettel











