Sachkunde Klasse 3: Hausbau

[ 1 ] [ 2 ]

„Traumhütte“ - unser Lehmhaus-Projekt

Zunächst machten wir uns Gedanken darüber, welche Arten von Behausungen sich die Menschen im Lauf der Zeit suchten und selbst schufen. In der Natur gibt es zum Beispiel Höhlen, die den Menschen Schutz vor dem Wetter oder vor wilden Tieren bieten. Auch die Plätze unter den mächtigen Kronen von Bäumen fielen uns ein, ja, sogar die Baumkronen selbst, in denen Menschen Wohnräume anlegten, kamen uns in den Sinn.

Ein wichtiges Thema waren die wilden Tiere, die den Menschen in freier Natur bedrohten. Manche der Kinder wussten, dass Tiere eine eigenartige Scheu vor dem Feuer haben. So kamen wir darauf, dass der Schein des Feuers, in dessen Umkreis der Mensch Wärme und Schutz findet, eine ganz besondere Art von Wohnraum darstellt. Es schlossen sich Betrachtungen darüber an, dass das Herdfeuer unseren Vorfahren heilig war und dass ein Fremder, der den Schutz des Herdfeuers begehrte, nicht abgewiesen werden durfte, ja dass er sogar gegen Feinde verteidigt wurde, wenn es sein musste. Einen letzten Nachklang davon haben wir heute noch im Kirchenrecht. Ein Krimineller, der in einer Kirche vor der Polizei Schutz sucht, darf nicht verhaftet werden, so lange er sich in der Kirche aufhält. Natürlich sprachen wir in diesem Zusammenhang auch über die schöne Sitte der Gastfreundschaft und darüber, dass sie leider immer mehr verloren geht.

Wir dachten darüber nach, dass Menschen, die viel unterwegs waren, andere Behausungen brauchten, als solche, die ein sesshaftes Leben führten. Hütten aus Zweigen und Blättern, Zelte aus Stoff und Tierhäuten kamen uns dabei in den Sinn.

Schließlich wandten wir uns den Blockhütten zu, dann den Fachwerkhäusern und endlich den gemauerten Bauwerken. Bei den Fachwerkhäusern fiel uns auf, dass man in der Balkenstruktur etwas wahrnehmen kann, das noch entfernt an die Äste und Verzweigungen der Bäume und Baumkronen erinnert.

Natürlich befassten wir uns mit den verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten, die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen und lernten so eine ganze Reihe von Handwerkern kennen.

Wie wir auf das Lehmhaus kamen

Als wir uns mit dem Hausbau beschäftigten, befand sich auf unserem Schulgelände eine große Baustelle. Es wurde dort im Rahmen unserer Entwicklung zu einer Ganztagesschule eine neue Mensa errichtet. Wir machten es uns zur Gewohnheit, jeden Morgen für fünf bis zehn Minuten diese Baustelle zu besuchen und die Handwerker bei ihrer Arbeit zu beobachten.

Als die Baugrube ausgehoben wurde, stießen die Arbeiter auf eine Lehmschicht. Etwa zur gleichen Zeit hatte ein Schülervater aus meiner Klasse, der sich beruflich mit der Gestaltung von Kinderspielplätzen befasst, die Idee, mit den Kindern eine Lehmhütte zu bauen und fragte an, ob das denkbar sei. Er hatte auch schon bei einer unserer Kindergärtnerinnen wegen eines Bauplatzes vorgefühlt und war auf grundsätzliche Zustimmung gestoßen.

Mir gefiel dieser Gedanke sehr. Ich stellte mir die Kinder vor, wie sie mit beiden Händen in den Lehm fassten, ihn kneteten und formten, um dann schließlich eine Hütte daraus entstehen zu lassen. Ich fand, der Lehm sei ein ideales Baumaterial in den Händen der Kinder, viel besser, als Holz oder Ziegel. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher begann der ganze Prozess sich vor meinem geistigen Auge zu entfalten. Ich hatte schon öfter erlebt, dass Klassenlehrer in Ermangelung besserer Gelegenheiten mit ihren Drittklässlern kleine Modellhäuschen aus Papier, Holz oder Miniaturlehmziegeln bauten. Ich hatte das auch schon einmal gemacht und war im Grunde enttäuscht von dem Ergebnis. Es war mehr eine Bastelei gewesen. Das Gefühl, eine menschliche Behausung zu schaffen und sich dabei mit ganzer Kraft einzusetzen, war eigentlich nicht eingetreten. Ich wollte diese Gelegenheit beim Schopf ergreifen.

Der erste Schritt bestand darin, mit den Eltern meiner Klasse zu sprechen. Es bildete sich schnell eine Planungsgruppe, welche die bestehenden Möglichkeiten auslotete. Wir brauchten Spender für Holz und Baumaterial und wir brauchten genügend Eltern, die bereit waren, mehrere Wochenenden für diese Arbeit zu opfern. Ein Schülervater, der beruflich mit Aquisition zu tun hatte, stellte sich für die Beschaffung der Spenden zur Verfügung.

Eine Holzhandlung war sofort bereit, Holz, Dachpappe und Kleinteile für die Dachkonstruktion zur Verfügung zu stellen, weil die Mitarbeiter schlichtweg von unserem Projekt begeistert waren. Dafür erwähnten wir den Namen der Holzhandlung in unserem Rundbrief. Ein biologisch-dynamischer Bauer aus der Gegend, der sich sonst seinen Kuhmist mit Gold aufwiegen ließ, war ebenfalls im Nu für unser Projekt gewonnen. Er fand es großartig, was wir da mit den Kindern unternahmen und gab uns kostenlos so viel Mist, wie wir brauchten. Lehm und große Quadersteine für das Fundament konnten wir von unserer Baustelle beziehen und der Freund eines Schülervaters schenkte uns sechs Robinienstämme für das Grundgerüst der Hütte. Robinienholz ist sehr widerstandsfähig und trotzt den Einflüssen der Natur ohne Behandlung durch chemische Mittel. Lediglich Schrauben, Nägel und Beschläge mussten gekauft werden.

Der Elternabend, an dem wir unser Projekt vorstellten, war zwar schwach besucht, aber die Begeisterung und Zustimmung waren dafür umso größer. Es erklärten sich genügend Eltern bereit, die Arbeit mit den Kindern an den Wochenenden zu unterstützen. Geplant waren insgesamt vier Wochenenden. Die Eltern trugen sich in Arbeitslisten ein und stellten das benötigte Werkzeug zur Verfügung – es konnte losgehen.

Im Unterricht sprachen die Kinder und ich ebenfalls über unser Projekt. Die Kinder fanden den Bau einer richtigen Lehmhütte ziemlich abenteuerlich. Im Malunterricht entwickelten wir konkrete Vorstellungen von unserer „Traumhütte“, die dann teilweise in die Bauarbeiten einflossen.

Die Vorbereitung

Wir baten den Kran- und Baggerführer Lothar, der auf der Baustelle unserer Schule arbeitete und mit dem die Kinder längst Freundschaft geschlossen hatten, uns einen Haufen des Lehms aus der Baugrube beiseite zu legen – etwa fünf Tonnen – für den Bagger eine Kleinigkeit. Auch die großen Quadersteine, die von unserem ehemaligen Oberstufen-Pausenhof übrig waren, legte er dazu. Kurz darauf fuhr ein Schülervater los, um die Robinienstämme und das Bauholz abzuholen.

Zunächst musste der Bauplatz vorbereitet werden. Dort stand seit vielen Jahren ein baufälliger, kleiner Holzpavillon. Wir rissen ihn ab und schafften das Abbruchmaterial fort. Anschließend wurden die Löcher für die sechs Pfosten gegraben. Der Konstrukteur unseres Planungsteams hatte 80 Zentimeter errechnet, damit ausreichende Stabilität gewährleistet war. Das war ein hartes Stück Arbeit, denn der Boden, ganz typisch für unsere Gegend, war durchsetzt mit zahllosen Steinen. Dazu kamen die Wurzeln der Bäume und Büsche, die den Bauplatz umgaben. Bei dieser Arbeit konnten die Kinder nur bedingt eingesetzt werden.

Gleichzeitig wurden die Robinienstämme entrindet. In Ermangelung besserer Werkzeuge nahmen wir Spaten und rückten damit den Stämmen zu Leibe. Auch das war eine harte, Schweiß treibende Arbeit, an der die Kinder noch nicht teilnehmen konnten.

Nach dieser Vorarbeit wurden die Stämme in Form eines regelmäßigen Sechsecks in die Löcher gestellt, so senkrecht wie möglich aufgerichtet und mit Erde und Steinen festgeklopft. Oben wurden die Stämme durch einen sechseckigen Balkenkranz zusammengefasst. Zwischen die senkrechten Balken stellten wir die großen Quadersteine so, dass sie an der Außenseite der Hütte bündig mit der Wand abschlossen und innen als einfache Sitze dienen konnten.

Die Lehmwände sollten zur Stabilisierung ein Armierungsgitter aus geflochtenen Weidenzweigen erhalten. Daher wurden in die Robinienstämme im Abstand von etwa fünfzehn Zentimetern senkrecht untereinander Löcher gebohrt, welche die Weidenzweige aufnehmen konnten. Die waagrechten Weidenzweige wurden zugeschnitten und in die Löcher gesteckt, danach wurden die senkrechten Zweige ebenfalls im Abstand von circa fünfzehn Zentimetern eingeflochten. Dabei konnten die Kinder bereits mithelfen. Schon nach kurzer Zeit hatte die Hütte Wände aus geflochtenen Zweigen. Auf dieses Gitter wollten wir den Lehm aufbringen.

Etwas abseits beschäftigte sich bereits eine Gruppe von Eltern und Kindern mit dem Lehm. Der Bagger hatte ihn in großen Brocken aus dem Boden geschaufelt. Die Schollen mussten für die weitere Verarbeitung zerkleinert und zerkrümelt werden. Hier konnten sich die Kinder mächtig ins Zeug legen und taten es ausgesprochen gerne. Die Lehmkrümel sammelten wir in großen Wannen. Das Krümeln wurde im Laufe des Projektes zu einer unserer Hauptaufgaben.

Die Organisation

Uns war klar, dass nicht alle auf einmal an derselben Stelle arbeiten konnten. Außerdem gab es verschiedene Arbeitsschritte, die parallel vollzogen werden mussten. Eine Gruppe war zuständig für das Vorbereiten und Stampfen der Lehmmischung, eine zweite Gruppe arbeitete an den Wänden, eine dritte Gruppe befasste sich mit dem Dach. Nach einiger Zeit konnte man in eine andere Gruppe wechseln, so dass jeder mit allen Tätigkeiten in Berührung kam.

Die Rolle der Eltern war zunächst so gedacht, dass sie den Kindern die Arbeitsgänge zeigen sollten, um sie dann zu überwachen. Die Wirklichkeit sah aber etwas anders aus. Die Eltern bekamen nämlich so viel Spaß an der Arbeit, dass sie sich ganz selbstverständlich in die Arbeitsprozesse eingliederten. Daraus ergab sich dann eine sehr schöne Arbeitsatmosphäre, etwa so, wie in alten Dorfgemeinschaften, wo es üblich war, dass jeder unentgeltlich mithalf, wenn Not am Manne war. Die erfahrenen Dorfmitglieder wussten, was zu tun war, die jüngeren fügten sich in die Arbeitsabläufe ein und lernten. Genau so war es bei uns.

Grundsätzlich galt, dass man dort mit anpackte, wo Hilfe benötigt wurde. Die Arbeitsabläufe, die sich dadurch einstellten, hatten etwas Begeisterndes. Während der ganzen Zeit konnte man nicht erleben, dass sich irgendjemand vor irgendeiner Arbeit gedrückt hätte. Sogar die Berührung mit dem Kuhmist verlief problemlos. Natürlich brauchten die Kinder häufiger Pausen, als die Erwachsenen. Wenn sie eine Weile auf dem Kindergartengelände herumgetobt hatten, kehrten sie in der Regel von alleine wieder zu ihrer Arbeit zurück. Die Grundstimmung war heiter. Es wurde trotz der teilweise sehr harten Arbeit viel gelacht.

Ein ganz wichtiger Punkt war die Reinigung der Hände und Füße, wenn man das Kindergartengebäude betreten wollte – bei etwa zwanzig Kindern, die mit Lehm arbeiteten, ein absolutes Muss. Wir hatten darauf anfangs nicht geachtet und mussten dann erleben, dass sich die Toiletten des Kindergartens innerhalb kürzester Zeit in einen schlammigen Albtraum verwandelten. Danach waren wir schlauer. Selbstverständlich wurden auch alle Arbeitsgeräte am Feierabend gereinigt und aufgeräumt, wobei die Kinder sehr gut helfen konnten.

Für die Ausführung des Vorhabens benötigten wir insgesamt sieben Tage an vier Wochenenden, vom ersten Spatenstich bis zur abschließenden Grillparty. Wir begannen Anfang Juni 2005 und arbeiteten freitags von 14.00 Uhr bis etwa 18.00 Uhr und samstags von 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr und von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Während der Woche nutzten wir die Unterrichtszeit, um einerseits zurück zu blicken auf das, was bereits geschafft war und andererseits zu planen, wie wir die noch ausstehende Arbeit angehen wollten. Die Kinder rissen sich darum, dabei sein zu dürfen und ließen sogar Kindergeburtstage ausfallen, damit ihnen ja nichts entging. 

Der Lehm

Lehm gibt es in unterschiedlichen Qualitäten, sie reichen von „trocken“ bis „fett“. Um zu prüfen, ob der Lehm für den Bau geeignet ist, kann man eine Kugel formen und sie aus Brusthöhe auf den Boden fallen lassen. Die Kugel sollte sich nicht zu stark verformen, aber auch nicht auseinander brechen. Unser Lehm war ziemlich „fett“, das heißt, er war feucht, weich und klebrig. Er musste also aufbereitet werden.

Wir hatten uns mit alten Lehmrezepturen beschäftigt und folgende Mixtur ausgewählt: Lehm, Sand, Stroh, Tierhaare, Kuhmist und Wasser. Den Sand nahmen wir aus den Sandkästen des Kindergartens, einige Eltern, die Beziehungen zu Bauern oder Pferdeställen hatten, besorgten das Stroh und die Kinder kämmten ihre Haustiere, um Tierhaare zu erhalten. Als wir einem befreundeten biologisch-dynamischen Bauern von unserem Vorhaben erzählten, war er gerne bereit, uns etwas von seinem kostbaren Mist abzugeben.

Der Sand sollte den Lehm etwas auflockern, Stroh und Tierhaare dienten zum Aufbau einer haltbaren Binnenstruktur und der Kuhmist – vor allem der Urin – machte die Mischung beim Trocknen hart wie Stein. Wir hatten probeweise eine Kugel aus einer solchen Mischung hergestellt und gut durchtrocknen lassen. Als wir sie dann aus zwei Metern Höhe auf den Steinboden fallen ließen, brach sie nicht auseinander, sie bekam nicht einmal einen Riss.

Die Bemessung der Zutaten erfolgte nach Gefühl. Wir füllten alles in große Mörtelwannen und stampften die Mischung mit den Füßen gründlich durch. Zwischendurch prüften wir die Konsistenz des Produkts und gaben bei Bedarf noch die eine oder andere Zutat hinzu. Dieses Stampfen des Lehms wurde zu einem beliebten Ereignis. Einige Mütter beteiligten sich daran und lobten die entspannende, wohltuende Wirkung dieses besonderen Fußbades. Eine Mutter meinte, sie habe den Mistgeruch eine Woche lang nicht losbekommen, was ihr etwas peinlich war, wenn sie beruflich mit Kunden zu tun hatte. Trotzdem nutzte sie jede Gelegenheit, um es wieder zu tun. Oft wurde in Gruppen von Müttern, Vätern und Kindern gestampft, dabei ging es sehr lustig zu, von weitem sah es aus, als würden die Lehmstampfer tanzen. 

Es geht los

Sobald die Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen waren, ging es richtig zur Sache. Die Kinder stürzten sich regelrecht in die Arbeit, sie drängten sich um die großen Wannen, um Lehm zu krümeln und zu stampfen, sie waren bereitwillig zur Stelle, wenn es um Handlangerdienste ging und vor allem arbeiteten sie begeistert an der Gestaltung der Lehmwände und an der Konstruktion des Daches. Das Dach war deshalb wichtig, weil eventuelle Regenfälle den noch weichen Lehm wegspülen konnten.

Die Kinder schienen zu spüren, das hier etwas Großartiges entstand, etwas „Richtiges“, „Echtes“, das andere Menschen – nämlich die Kindergartenkinder – benutzen und daran ihre Freude haben würden. Und sie waren daran beteiligt!

Immer, wenn wir genügend Lehm gestampft hatten, wurden die großen Mörtelwannen zur Baustelle getragen. Die Kinder langten tüchtig zu, nahmen sich ordentliche Lehmbatzen heraus und warfen sie mit einer gewissen Wucht an die Armierung aus Weidenzweigen. Das machte nicht nur Spaß, die Wucht beim Anwerfen war auch notwendig, weil dadurch Luft herausgepresst und die Haftung erhöht wurde. Selbstverständlich blieb es nicht aus, dass der eine oder andere Lehmbatzen dabei auch als Wurfgeschoss Verwendung fand.

Nachdem die Wände schon ein Stück gewachsen waren, entdeckten die Kinder, dass sie dieses Baumaterial nach ihrem Belieben formen konnten. Wie selbstvergessen standen sie zuweilen an den Wänden und spielten mit dem weichen Lehm. Bald darauf entstanden abenteuerliche Muster und Formen, die teilweise an Friedensreich Hundertwasser erinnerten. Besonders interessant geriet die Gestaltung der Innenwände. Die Kinder schmückten sie mit allerlei Symbolen und Zeichnungen, die Erinnerungen an alte Höhlenmalereien wachriefen. Indem das Bauwerk allmählich wuchs und Gestalt annahm, wurde es eine „Traumhütte“ im wahrsten Sinn des Wortes.

Eine andere Gruppe von Kindern übernahm die Rolle der Zimmerleute und Dachdecker. Unter der Anleitung und mit Hilfe der Eltern nagelten sie Bretter auf den vorbereiteten Dachstuhl, achteten auf festen Sitz und entwickelten einen enormen Ehrgeiz, Die Nägel ganz gerade und mit möglichst wenigen Schlägen ins Holz zu treiben. Anschließend wurde das Dach mit Dachpappe wasserdicht verkleidet und mit Schilfmatten eingedeckt. Der erste Regen konnte kommen!

Unter den anwesenden Kindern waren immer auch Geschwister und Kindergartenkinder. Sie halfen teilweise mit und stellten sich gerne für Handlangerdienste zur Verfügung, was den Drittklässlern das Gefühl gab, echte Profis zu sein, weil die kleineren Kinder sie bewunderten.

Abends, wenn wir Feierabend machten, mussten die Wannen und Arbeitsgeräte gesäubert und aufgeräumt werden. Da es ziemlich heiß war, geriet das Reinigen zum Fest, weil man dabei mit dem Schlauch herumspritzen und Schabernack treiben konnte. Wenn schließlich alles aufgeräumt und sauber war, wurde das Tagewerk begutachtet und überlegt, welche Arbeitsschritte beim nächsten Treffen auszuführen waren. 

Die Hütte ist fertig

Schließlich nahte das Ende des Hausbaus. In der Handarbeit hatten die Kinder eine kleine Fahne vorbereitet, die wurde nun auf die Spitze des Daches gepflanzt und ein kleines Richtfest abgehalten. Anschließend wurde ausgiebig gespielt und gegrillt. Die Erwachsenen saßen erschöpft auf Stühlen, Treppen und Bänken, während die Kinder immer noch unermüdlich herumsprangen – aber das kennt man ja.

In den folgenden Tagen und Wochen berichtete die Kindergärtnerin, auf deren Gelände die Hütte erbaut worden war, immer wieder begeistert davon, wie die Kindergartenkinder die „Traumhütte“ in Besitz nahmen. Durch die große Hitze hatten die Lehmwände Risse bekommen. Dort hinein wurden kleine Blümchen gesteckt, es wurden Stühlchen und Tischlein hineingetragen und die Hütte wurde ein Ort des täglichen Kinderlebens.

Nach dem Unterricht gingen die Drittklässler gerne aufs Kindergartengelände und schauten zu, wie sich die „Kleinen“ an ihrem Bauwerk erfreuten. Der Anblick erfüllte sie mit Stolz.

Natürlich verblasst dieses Erlebnis allmählich, andere Dinge treten in das Leben der Kinder und nehmen ihre Aufmerksamkeit gefangen. Dennoch bleibt ein unauslöschlicher Eindruck, der erst später zum Tragen kommt, wenn die Schüler älter sind und auf die Schulzeit zurückblicken. Es ist das Bewusstsein, dass etwas geschafft wurde, das man zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Es gab viele Einzelsituationen, in denen gemeinsam überlegt und entschieden werden musste, oftmals verlangten Material und Konstruktion Vorgehensweisen, die vorher nicht geplant gewesen waren, nicht selten mussten wir improvisieren und vor allem gelang die Arbeit nur, weil wir alle fest zusammenhalfen und keiner den anderen im Stich ließ. Solche Erfahrungen können sich verwandeln und in anderen Lebensbereichen wirksam werden. Sehr schön passten dazu im Unterricht die Erzählungen von Peter Rosegger „Aus meiner Waldheimat“. Besonders tiefen Eindruck hinterließ die Geschichte vom Maxl, dem das Haus abbrannte.

Außerdem ist der Bau des Lehmhauses ein schönes Bild, das wunderbar in die dritte Klasse passt, weil es in gewisser Weise den Inkarnationsprozess zum Zeitpunkt des „Rubikon“ spiegelt. Es ist ein tiefes Geheimnis unserer Existenz, dass wir einen physischen Leib annehmen, um darin die Erfahrungen eines Lebens zu sammeln. Die Drittklässler schicken sich an, das Paradies der Kindheit hinter sich zu lassen, um sich stärker in der Welt zu erleben und zu erproben. Es gibt auf diesem Weg kein Zurück mehr. Die Geschicklichkeit ihrer Hände und Glieder und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten werden zur Grundlage für gesundes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. So kann man zuversichtlich in die Zukunft blicken und sich auf die Herausforderungen freuen, die dort warten.

[ 1 ] [ 2 ]

 

 

Das Königshaus

Kein Haus ist’s, wie man sonst sie schauet,
und doch ein Haus ist’s wunderbar;
kein Sterblicher hat es erbauet,
doch stammt’s von einem Menschenpaar.
Zu seinem Wohnsitz auserkoren
hat sich das Haus ein edler Herr,
auf Erden ist so hoch geboren,
so reich und mächtig nichts wie er.
Zwei nervenvolle Hüter schützen
das Haus, ein starkes Heldenpaar,
zwei schöngeformte Säulen stützen
den Bau so zierlich, wunderbar.
Und Pforten führen sondergleichen,
durch seltne Gänge aus und ein,
und alle Königssäle weichen
der Kammern kunstgefügten Reihn.

Durch Fenster, glänzend schön wie Sterne,
und heller als der Diamant,
schaut, der’s bewohnt, das Nah’ und Ferne
und alle Herrlichkeit im Land.
Auf einer wundervollen Mühle,
da mahlen ihm jahrein, jahraus
der blinkend weißen Müller viele
den täglichen Bedarf ins Haus.
Doch wird der Herr das Haus verlassen,
dann sinkt zusammen das Gebäu;
es kann nur einen Herren fassen,
und nimmer macht’s ein Meister neu.

Metzger, Rätselschatz

[ 1 ] [ 2 ]

 

Grundsätzlich galt, dass man dort mit anpackte, wo Hilfe benötigt wurde. Die Arbeitsabläufe, die sich dadurch einstellten, hatten etwas Begeisterndes. Während der ganzen Zeit konnte man nicht erleben, dass sich irgendjemand vor irgendeiner Arbeit gedrückt hätte. Sogar die Berührung mit dem Kuhmist verlief problemlos. Natürlich brauchten die Kinder häufiger Pausen, als die Erwachsenen. Wenn sie eine Weile auf dem Kindergartengelände herumgetobt hatten, kehrten sie in der Regel von alleine wieder zu ihrer Arbeit zurück. Die Grundstimmung war heiter. Es wurde trotz der teilweise sehr harten Arbeit viel gelacht.

[ download PDF ca. 2,1 MB ]

 

 

Bernd Kettel
Bernd Kettel