Kupfertreiben in Klasse 9

Der Waldorfschüler in der 9. Klasse trifft in seiner schulischen Biographie auf ganz veränderte Zustände. Er verlässt gleichsam eine ihn noch schützende Einheit, die Klassenlehrerzeit. Der Klassenlehrer aus seiner Kenntnis vom Kinde heraus konnte, für den Schüler oft nicht wahrnehmbar, viel abfangen, umleiten, vorbereiten. Plötzlich erwacht der Schüler in einem neuen Zustand. Er soll Oberstufenschüler werden. Dem Klassenlehrer folgt ein Tutor, der "Ein-Mann-Kapelle" folgt ein "Orchester" mit verschiedensten Vertretern ihres jeweiligen Faches.

Einsamkeitsgefühle können genauso stark werden wie die Freiheitsgefühle. Auf jeden Fall sollte der Schüler erleben, dass die eigene Verantwortung steigt. Mit "Null-Bock" passiert nichts mehr. Durchhalten, alleine an der Stange bleiben ist zunehmend gefragt. Der Schüler erreicht in allen Lebenslagen den Punkt, an dem Arbeit zur Verpflichtung wird, nämlich dann, wenn der Spaß daran aufhört. Gerade jetzt will er gerne auch das Handtuch werfen. Da soll z.B. auch das Kupfertreiben als Hilfe einsetzen.

Der Beginn der Epoche ist eine  FREUDIGE  LEHRZEIT. Die Grundformen der Bearbeitung des Kupferbleches werden erlernt. Mit Elan beginnt der Schüler  seine Arbeit. Dieses erste Drittel der Epoche steht unter dem Motto  ANLEITUNG UND NACHTUN.
Dann kommt die Zeit, dass die Schale nicht und wieder nicht an das gesteckte Ziel kommt. Einer vorgegebenen Höhe wird im Laufe der Entwicklung immer langsamer entgegengearbeitet. Unwille, Verzweiflung tritt auf. Unnachgiebig besteht der Lehrer auf der Erfüllung der Aufgabe und erduldet alle Unmutsäußerungen vielfältigster Art, die ja eigentlich gegen die eigene Unlust des Schülers gerichtet sind. Diese Krise der  VERPFLICHTENDEN LEHRZEIT  beherrscht das zweite Drittel und steht unter dem Motto  FORDERUNG UND ÜBERWINDUNG.

Schließlich ist das erste Werkstück fertig. Der Schüler hat einen Zugang zum Handwerk bekommen. Nun dürfen eigene Ideen hinzukommen und, ist es technisch machbar, umgesetzt werden. So gestalten die Schüler Becher. Dabei muss das Blech geglüht und auf rundem Eisen heraufgezogen werden. Oder es werden flache Schalen, rund, oval, achteckig gestaltet. Ein kleiner Löffel war auch schon dabei und sogar eine Gemeinschaftsarbeit von drei Schülern, die tatsächlich, ich selbst konnte kaum daran glauben, ein schönes, gleichmäßiges Weihrauchgefäß fertigten, das jetzt in einem Gotteshaus seine Aufgabe erfüllt. Diese EIGENSTÄNDIGE  LEHRZEIT  ist das letzte Drittel. Der Schüler trifft eine Auswahl und wird eigenständig kreativ. Er entscheidet und führt die selbst gestellte Aufgabe bis zum Ende aus. Dieser Abschluss der Epoche steht unter dem Motto  FREIHEIT  UND EIGENVERANTWORTUNG. Mehr oder weniger kommt ein jeder Schüler ans Ziel - oder besser noch - jeder Schüler kommt an sein Ziel.

So verwandelt sich ein Grundsatz von der Unter- und Mittelstufe zur Oberstufe. Wurde einstmals jeder Schüler zu dem gemeinsam gesteckten Ziel hingeführt, individualisiert sich der Prozess zusehends dahin, dass ein jeder Schüler zu seinem von ihm gesteckten Ziel zu gelangen bemüht sein soll.

Damit ist ein wichtiger Schritt im Leben des jugendlichen Menschen unterstützt, ihm für die allmählich sich entwickelnde  selbständige Lebensführung den  Willen zu stärken.

Christian Lorenzoni

Die Schüler erleben in einer kürzeren, intensiven Epoche (6 Wochen à 4 Stunden) ein Handwerk, welches aus dem Allgemeinbewusstsein mehr und mehr verschwunden ist...

... Welche Krisen, wie viel Schweiß, Geduld und Überwindung eine solche Arbeit den Schüler gekostet hat, ist aus der schlichten Schale nicht zu ersehen. In der Regel können sich Unbeteiligte keine Vorstellung davon machen, durch was ein Schüler da hat hindurch müssen...

 

 

 

Christian Lorenzoni
Christian Lorenzoni