Das Bildungsprinzip der Waldorfpädagogik im Alter von 0 – 18 Jahren

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Lebensalter und Entwicklung

1 Jahr

Um den 1. Geburtstag herum gibt das Kind Handzeichen: Erde an Wände, Farbe auf Tapete etc. ist ursprünglicher erster Umgang mit Material, was wir abschätzig als mantschen oder dreckeln bezeichnen, das Kind aber in Gefühlserfahrung bringt.

2 Jahre

Das Kind kommt in bestimmte richtungsorientierte Bewegungen hinein, in denen es längerfristig wie vertiefend, übend verharrt.

Kindergartenzeit 3 – 6 Jahre

3 Jahre

Die Grundformen werden konkreter. Diese werden auch in der Bewegung ausgeführt z.B. sich kreiseln bis zum hinfallen. Kreuz als Zeichen des Abgrenzens „ICH“.

Kopffüßler, Leitermännchen
Kopffüßler, Leitermännchen

4 Jahre

Beginnende Kombinationen der Zeichensetzung in „echte“ Darstellungen. Starke Kopfleibigkeit. Zunehmende Betitelung der Kunstwerke: Oma, Papa, Zwerg...

5 Jahre

Wahrnehmung der sozialen Umgebung: Gruppenbild oder Bild in Wind und Wetter. Themen werden umfassender und können schon mit einer Erzählung des Inhaltes einhergehen.

Der kleine Maler selbst ist noch außen vor (oben links).
Der kleine Maler selbst ist noch außen vor (oben links).

6 Jahre

Darstellung realistischer Situationen mit der Mischung aus noch innerlich empfundenen Gefühlen, die in Darstellung kommen „Lehrerin hat Krone“ „Uhr ist da“ die Ziffern aber in Kritzelschrift. Vorstellung aus der Erzählung des Bruders.

Unterstufenzeit 7 – 12 Jahre

Hineinfinden - Krumme und Gerade
Hineinfinden - Krumme und Gerade

7 Jahre, 1. Klasse

Kollektive Kultivierung der Zeichensetzung in Zeichnen Schreiben. Einmal Freiheit in der Darstellung, aber auch gemeinsame Formen finden, die dann gegenseitig lesbar oder interpretierbar sind.

Die "Krumme" und die "Gerade" als Urzeichen aller Schrift und Zeichnung.

Gleichgewicht
Gleichgewicht

8 Jahre, 2. Klasse

Spiegelungen; Auge/Hand-Koordination in höheren Anspruch bringen. Durch „Gehen“ mit ganzem Leib Formen erfahrbar machen, z.B. 2 Kinder teilen sich die Form.

Kreuzung
Kreuzung

9 Jahre, 3. Klasse

Mischformen ohne Hilfsmittel, Spiegelachse oder -kreuz

Tiefe
Tiefe

10 Jahre, 4. Klasse

Flechtbänder, Keltische Ornamente mit Andeutung der Perspektive.

zeichnend zu geometrischen Figuren
zeichnend zu geometrischen Figuren

11 Jahre, 5. Klasse

Freihändige Geometrieformen: Kreis, Dreieck, Viereck.

konstruierend zu geometrischen Figuren
konstruierend zu geometrischen Figuren

12 Jahre, 6. Klasse

Sechsteilung des Kreises mit Zirkel usw.

Mittelstufenzeit 13 – 15 Jahre

Perspektivisches Zeichnen
Perspektivisches Zeichnen

13 Jahre, 7. Klasse

Angaben von Größen und Maßen

Bedingungen für die Konstruktion geometrischer Figuren, z.B. Kongruenzsatz.

14 Jahre, 8. Klasse

a² + b² = c²

Durch Berechnung zu Inhalt der Fläche.

perspektivisches und maßgetreues Zeichnen
perspektivisches und maßgetreues Zeichnen

15 Jahre, 9. Klasse

Schwarz-Weiß-Zeichnen eines Dürer-Druckes.

Oberstufenzeit 16 – 18 Jahre

Feldmessen
Feldmessen

16 Jahre, 10. Klasse

Vermessung einer Landschaft; Berechnung und exakte Erstellung einer Karte.

Projektive Geometrie
Projektive Geometrie

17 Jahre, 11. Klasse

Griechisch: Darstellung der Formen; Klassische Geometrie
Renaissance: Betrachtung vom Darsteller aus; persp. Geom.

NEU. Moderne: Verschiebung über die Horizontlinie hinaus in den Gegenraum.

18 Jahre, 12. Klasse

Z.B. in professionelle Arbeitspraxis gehen und von der graphischen Theorie in die handwerkliche Umsetzung.

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Teil II - Beispiele aus der Lebenspraxis

Nach der mehr menschenkundlichen, soziologisch-psychologischen Betrachtung des 1. Teiles möchte ich jetzt mit einem Beispiel aus dem praktischen Leben durch die Lebensjahre bzw. Altersstufen gehen.

Der Mensch ist einmal ein wahrnehmendes, reflektierendes Wesen Das ist die introvertierte Seite von ihm. Hätte er im Laufe seiner Kulturgeschichte keine extrovertierte Seite entwickelt, wüssten wir heute wenig bis nichts von ihm, oder besser, von unserer Vergangenheit.

Aus der Vorgeschichte des Menschen ist mit der Freiwerdung seiner Hand seine Kulturgeschichte geworden. Wir haben einmal Werkzeuge, Töpfe etc als Gebrauchsgegenstände aus Materialien wie Knochen, Stein, Metall. Dann haben wir aber auch auf Steinflächen, Tontafeln usw. Ausdruck der jeweiligen Epochen und ihrer Entwicklung der Kunstfertigkeit von Bildern über Zeichen bis hin zur Schrift. Bis heute geben der Wissenschaft manche Zeichen alter Kulturen große Rätsel auf.

Wir wollen nun durch die Jahre hindurch die Entwicklung des jungen Menschen betrachten am Beispiel dessen, wie sich seine Ausdrucksfähigkeit in Form von Zeichen auf dem Papier verändert und erweitert. Beobachten sie einmal, ob sie etwas von der Kultur- und Bewusstseinsentwicklung der Menschheit dabei erfahren oder erleben können.

 

Anhand dieser durchlaufenden praktischen Beispiele aus unserer Pädagogik konnten sie ersehen, wie sich der Stoff so der Klasse zuschreibt, dass das Kind, der junge Mensch auch so weit ist , Aufmerksamkeitsvermögen mitzubringen und im Problem, an der Aufgabe zu wachsen.

Leider wird heute Erziehung und Unterricht oft als Instrument dafür gesehen, was die Gesellschaft, die Wirtschaft an Forderungen  stellt und dann geschaut, wie diese am besten am jungen Menschen angelegt werden können.

Der Lehrplan der Waldorfpädagogik orientiert sich dem entgegen an der geistig-seelischen Entwicklung des Menschen im Zusammenklang mit der Forderung der sozialen Gemeinschaft.

Lassen sie mich zum Schluss einen Fast-Altersgenossen zu Rudolf Steiner
(1861-1925) zu Wort kommen, der mit diesem nicht viel zu tun hatte, aber
ebenso nach universeller Ganzheit östlicher und westlicher Weisheit strebte.

Gemeint ist Hermann Hesse (1877-1962). In „Lektüre für Minuten finden wir in der Abtl. Erziehung, Bildung, Schule folgende Worte:

Echte Bildung ist nicht Bildung zu irgendeinem Zwecke, sondern sie hat, wie jedes Streben nach dem Vollkommenen, ihren Sinn in sich selbst. So wie das Streben nach körperlicher Kraft, Gewandtheit und Schönheit nicht irgendeinen Endzweck hat, etwa den, uns reich, berühmt und mächtig zu machen, sondern seinen Lohn in sich selbst trägt, indem es unser Lebensgefühl und unser Selbstvertrauen steigert, indem es uns froher und glücklicher macht und uns ein höheres Gefühl von Sicherheit und Gesundheit gibt, ebenso ist auch das Streben nach »Bildung«, das heißt nach geistiger und seelischer Vervollkommnung, nicht ein mühsamer Weg zu irgendwelchen begrenzten Zielen, sondern ein beglückendes und stärkendes Erweitern unseres Bewusstseins, eine Bereicherung unsrer Lebens- und Glücksmöglichkeiten. Darum ist echte Bildung, ebenso wie echte Körperkultur, Erfüllung und Antrieb zugleich, ist überall am Ziele und bleibt doch nirgends rasten, ist Unterwegssein im Unendlichen, ein Mitschwingen im Universum, ein Mitleben im Zeitlosen. Ihr Ziel ist nicht Steigerung einzelner Fähigkeiten und Leistungen, sondern sie hilft uns, unserem Leben einen Sinn zu geben, die Vergangenheit zu deuten, der Zukunft in furchtloser Bereitschaft offen zu stehen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Christian Lorenzoni,
Reutlingen, den 30. August 2008