Klassenfahrt ins Abenteuer

Segeltour am Bodensee mit einer 7. Klasse, vom 18. - 24.09. 2000

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001 Bodensee

Diese Karte zeigt unsere Route zu Wasser und zu Land.

002 der klapprige Bus

Der klapprige, alte Bus bereitete manchen Eltern Sorge, für uns war er der erste, erregende Eindruck auf unserer Fahrt ins Abenteuer.

003 Kutter

Dieses Bild zeigt einen der beiden Zweimaster Shalupp und Shalom als Konstruktionszeichnung. Die beiden Kutter hatten lange auf der Gorch Fock gedient, bevor sie zur privaten Nutzung freigegeben worden waren.

004 Vorbereitung zum Segeln

Die Schüler lernen, dass das Tragen der Schwimmwesten und deren korrekter Sitz unerlässlich für die Fortbewegung zu Wasser sind.

005 Vorbereitung zum Segeln

Die Schüler versammeln sich mit Gepäck und angelegten Schwimmwesten auf dem Landungssteg. Einmal gab es ein Gedränge und eines der Mädchen stürzte samt Gepäck ins Wasser. Zum Glück hatte sie ihre Schwimmweste korrkt angelegt und konnt mit beiden Händen nach dem versinkenden Rucksack greifen.

006 Segeln

Beim Verlassen der Kutter musste alles korrekt aufgeräumt werden, damit es am folgenden Tag problemlos zur Verfügung stand.

006b Segeln

Schülerzeichnung. Shalupp und Shalom in Aktion.

008 Stoeckenmuehle

Erste Eindrücke von der Stöckenmühle.

009 Stoeckenmuehle

Schüler bei der Hilfsaktion. Sie retteten das Heu vor dem herannahenden Gewitter.

010 Lager im Heu

Eine romantische Nacht im Heu.

011 Ganter

Der legendäre Ganter, der den Jungs Respekt beibrachte.

012 BUND

Die Schüler betrachten ein Modell eines Naturschutzgebietes in einer Niederlassung des BUND.

013 Kai Frank

Hunde sind relativ leicht an der Nase herumzuführen, wenn man weiß, wie.

014a von Konstanz nach Staad

Die Mädels meisterten alle Schwierigkeiten beim Segeln souverän.

014b von Konstanz nach Staad

Backbord, Steuerbord, Wende... alles kein Problem.

015 unser Camp

Jeden Abend wurden die Zelte auf- und am folgenden Morgen wieder abgebaut.

017 unsere Boote

Schon nach kurzer Zeit waren die Schüler mit allem vertraut, was die Boote betraf und bewegten sich sicher darauf.

017b unsere Boote

 

Zu den Hauptthemen der siebten Klasse einer Waldorfschule gehören die großen Entdecker, diejenigen Frauen und Männer, welche die engen Gedankengebäude des Mittelalters sprengten und zu neuen Ufern auf allen Gebieten des Lebens vordrangen. Die Zeit, in der diese Entwicklung begann, nennen wir die Renaissance.

Eine der ganz großen Leistungen dieser Ära bestand darin, die Vorstellung zu überwinden, dass die Erde eine Scheibe sei, an deren Rand man in eine grausige Tiefe gezogen würde. Bedeutende Kapitäne, wie zum Beispiel Heinrich der Seefahrer oder Magellan machten sich auf, die Küsten und Meere systematisch zu erforschen. Dabei wurde unter anderem Afrika umrundet, der Seeweg nach Indien entdeckt und der Erdball umsegelt.

Man kann sich vorstellen, dass eine siebte Klasse diese ungeheuren Leistungen besser würdigen kann, wenn sie selbst den Hauch eines solchen Abenteuers verspürt hat. Was liegt also näher, als den Schülern solch eine Möglichkeit zu eröffnen?

Frau Haid, eine Schülermutter unserer Klasse machte mich darauf aufmerksam, dass es in Reutlingen einen Verein für sozialpädagogisches Segeln gebe, der Kutter am Bodensee liegen habe. Ein gewisser Herr Munderich, den sie gut kenne, sei Mitglied dieses Vereins und organisiere Abenteuerfahrten für Schüler. Daraufhin setzte ich mich umgehend mit Herrn Munderich in Verbindung und plante mit ihm ein Projekt für die Zeit kurz nach den Sommerferien.

Tagebuch

Dies ist mein Tagebuch über eine Klassenfahrt, wie ich sie zuvor noch nie unternommen habe. Es wurde niedergeschrieben in den wenigen stillen Stunden, die sich auf unserer Reise ergaben. Wir hatten uns auf ein Abenteuer eingelassen, das darin bestand, eine Woche lang mit Zelten zu Land und zu Wasser unterwegs zu sein und dabei zu lernen, unser tägliches Leben mit einfachen Mitteln zu gestalten. Mit von der Partie war Frau Sartorius, die alle Strapazen und Freuden des Unternehmens mutig mit uns teilte. Unsere Begleiter waren Herr Munderich und Herr Beyer, die mit dem Verein für sozialpädagogisches Segeln Reutlingen e.V. zusammenarbeiten.

Herr Munderich ist Sozialpädagoge und war lange Zeit in der Pfadfinderbewegung tätig, außerdem kocht er in allen Lebenslagen vorzüglich. Herr Beyer, aktives Mitglied im Bergnot-Rettungsdienst und ebenfalls ein hervorragender Koch, organisierte die Logistik unserer Expedition und war immer zur rechten Zeit am rechten Ort.

Ich darf sagen, dass alle beteiligten Schüler sich durch Zähigkeit und bemerkenswertes Durchhaltevermögen auszeichneten. Sie meisterten die Widrigkeiten des täglichen Lebens mit Humor und Einfallsreichtum und waren hilfsbereit, wenn wirklich Not am Manne war, wie wir später noch sehen werden. Es hat während der ganzen Zeit keiner geklagt und es ist niemand ernsthaft erkrankt.

Erster Tag • 18. September 2000

Gestern Abend rief der Busunternehmer an, der bestellte Bus sei wegen eines Defekts in der Werkstatt, ob er einen Linienbus schicken dürfe - es seien Plüschsitze, Radio und Gepäckraum vorhanden. Es sei aber auch möglich zu warten, bis der geplante Bus aus der Werkstatt komme, wann dies allerdings geschehe, sei ungewiss. Da wir für den Nachmittag des Abreisetages schon ein festes Programm hatten, sagte ich ja zum Linienbus und dachte an nichts Arges.

Was dann um 9:00 Uhr kam, war ein etwas klappriger, alter Bus, bei dem wir das meiste Gepäck auf den Sitzen und im Mittelgang verstauen mussten. Manche der anwesenden Mütter hatten Sorge, ob es der Bus überhaupt bis zum Bodensee schaffe. Jemand fürchtete sogar, der Busfahrer mache einen so erschöpften Eindruck... Man hatte in letzter Zeit viel von Busunglücken gehört.

Die Kinder nahmen die Fahrt ganz locker und amüsierten sich köstlich. Sie betrachteten die Situation als erste Etappe unseres Abenteuers. Da geht es eben nicht immer luxuriös zu.

Nach etwa drei Stunden Fahrt erreichten wir unser Ziel, den Campingplatz Klausenhorn bei Wallhausen am Bodensee, ohne Zwischenfälle und suchten unsere „Expeditionsleiter“ Herrn Munderich und Herrn Beyer. Wir trafen jedoch nur die beiden Skipper Christoph und Stefan, denn Herr Munderich hatte unterwegs eine Reifenpanne mit dem VW-Bus und traf etwa eine halbe Stunde nach uns ein. Unter seiner und Herrn Beyers Anleitung bauten wir die Zelte auf. Einige nahmen ein erstes Bad im Bodensee. Das Wetter war gut und die Umgebung traumhaft schön.

Gegen 16:00 Uhr trafen wir uns um den Speiseplan zu besprechen. Herr Munderich hatte einige viel versprechende Rezepte mitgebracht, die alle unsere Zustimmung fanden. Für den ersten Abend wählten wir Spaghetti mit Karbonara-Soße und Salat.

Um 18:00 Uhr gingen wir zum Rolandhaus, dem Vereinsheim der sozialpädagogischen Segler, um uns mit Ölzeug einzukleiden. wir bekamen Öljacken, wasserdichte Hosen und Schwimmwesten. Ausgestattet wurde nur die Hälfte der Kinder, da am Ende des vierten Tages die Routen und somit auch das Ölzeug mit der anderen Hälfte der Klasse getauscht wurde. Bei dieser Gelegenheit durfte ich zu meiner Überraschung feststellen, dass ich mühelos in Frau Sartorius’ Ölzeug passte. Ich hätte nicht gedacht, dass sie meine Kleidergröße haben könnte.

Das Abendessen gelang ganz ordentlich, nur mit der Bettruhe gab es Schwierigkeiten. In einem Mädchenzelt wurde bis 0:15 Uhr gekichert, gelacht und auch gekreischt. Da diese Mädchen so viel Energie hatten, durften sie am nächsten Tag den Küchendienst übernehmen.

Zweiter Tag • 19. September 2000

Der Tag begann gegen 6:00 Uhr früh und wurde nicht durch den Schrei des Hahns eröffnet, sondern durch das laute Lachen aus einem der Bubenzelte. Im Morgengrauen war Nebel gefallen, alles war feucht. Einige Kinder hatten auf den Zelten Handtücher ausgebreitet und ihre offenen Rucksäcke vor die Zelte gestellt, um mehr Platz zu haben. Zum Glück hatte es in der Nacht nicht geregnet.

Allgemeines Wecken war um 7:00 Uhr, um 7:30 Uhr begann der Küchendienst seine Arbeit und um 8:00 Uhr gab es Frühstück. Es bestand aus verschiedenen Müsli-Sorten, zu denen man Milch oder Joghurt nehmen konnte. Außerdem gab es Brot mit Butter und Marmelade bzw. Wurst und Käse. Zum Trinken wurde Früchtetee ausgeschenkt - das volle Programm also.

Nachdem alles aufgeräumt war, trafen sich die beiden Gruppen, welche zuerst segelten. Sie wanderten zum Rolandhaus, wo die Kutter lagen, um ins Segeln eingewiesen zu werden. Derweil hatten die beiden anderen Gruppen Freizeit sowie die Aufgabe, das Mittagsvesper vorzubereiten. Warmes Essen gab es immer abends.

Auf den Kuttern wiesen uns die Skipper in die Verhaltensregeln an Bord ein und lehrten uns grundlegende Tätigkeiten und Kommandos. Es wurden Segel gesetzt, Schoten dichtgeholt oder gefiert, die Kinder durften an die Ruderpinne und mussten beim Ab- und Anlegemanöver helfen. In unserer Gruppe wurde sogar das Mann-über-Bord-Manöver erfolgreich geprobt und anschließend versucht, den Bodensee über die Bordkante laufen zu lassen, was natürlich trotz aller Anstrengungen nicht gelang.

Dritter Tag • 20. September 2000

Gegen 4:00 Uhr morgens regnete es anhaltend. Die Aussichten schienen nicht günstig. Um 6:00 Uhr hörte der Regen jedoch auf und unsere Chancen für ein trockenes Abbauen der Zelte stiegen.

Der Morgen verlief ruhig. Nach dem Frühstück machten wir uns reisefertig, bauten das Zeltlager ab und zogen gegen 11:00 Uhr los. Wir wanderten über den Bodanrück und nahmen den steilen Anstieg in etwa einer Stunde. Die Kinder hatten zum Teil schwerere Rucksäcke als ich, beklagten sich jedoch nicht, sondern kämpften sich zäh voran - natürlich waren sie für jede Rast dankbar.

Gegen 13:15 Uhr machten wir Mittagspause und um 15:00 Uhr erreichten wir die Stöckenmühle. Bisher war das Wetter ideal zum Wandern gewesen, nun aber bedeckte sich der Himmel und es begann leicht zu regnen.

Herr Salinger, der Bauer, der die Stöckenmühle bewirtschaftet, hatte Probleme mit einer Fuhre Heu, die in die Scheune musste, bevor der Regen richtig losbrach. Alle Hofbewohner kamen zusammen um zu helfen. Der Bauer fragte, ob auch die Kinder helfen könnten, und diese legten sich ohne zu zögern mächtig ins Zeug, obwohl sie dreizehn Kilometer Fußmarsch mit schwerem Gepäck hinter sich hatten. Sie bewältigten den Hauptteil der Arbeit, indem sie das Heu mit Händen und Heugabeln unter das Dach schaufelten. Anschließend durften sie die gesamte Ladung mit einem Heukran auf die Tenne schaffen und gleichmäßig verteilen. Dieses Heu war zugleich ihr Ruhelager.

Zum Geschirrspülen musste der Küchendienst zum Brunnen und dabei einen Weg überqueren, der das Revier eines stolzen Ganters war. Anfangs machten die Kinder den Fehler, geradewegs auf den Ganter zuzugehen, was diesen sehr erzürnte. Er begann die Flügel zu spreizen, den Kopf zu senken und schnatternd auf die Eindringlinge loszugehen. Einmal erwischte er einen der Jungs an einer peinlichen Stelle. Von da an machten auch die stärksten Knaben einen respektvollen Bogen um ihn.

Nach getaner Arbeit richteten wir uns in der Scheune häuslich ein. Die Bäuerin brachte ein hervorragendes Abendessen. Es bestand aus frischen Tomaten und Paprika, dazu gab es verschiedene Käse - auch einen köstlichen, selbst gemachten Ziegenkäse - und wunderbares Brot. Die Kinder hauten rein, bis sie nicht mehr konnten. Tomaten und Paprika schmeckten so gut, dass nicht einmal Salz verlangt wurde, obwohl die Bäuerin es anbot.

Ich war sicher gewesen, dass die Schüler nach den Strapazen des Tages todmüde sein müssten, aber das war weit gefehlt. Die Racker sprangen von einer Erhöhung der Scheune ins Heu, pausenlos und stundenlang, während mir schon fast die Augen zufielen. Gegen 23:00 Uhr trat endlich Nachtruhe ein. Da unser Logistikexperte vergessen hatte, mein kleines Zelt abzuladen, musste ich die Nacht in einem alten Wohnwagen verbringen.

Der Regen nahm zu und gewaltiger Donner rollte durchs Tal - was würde der nächste Tag bringen?

Vierter Tag • 21. September 2000

Gegen Morgen ließ der Regen etwas nach. Der Wind blies von Nordwest, die Wolken gewannen an Struktur und zogen sehr schnell. Auf dem Bodensee musste ein gewaltiger Wind wehen. Wir machten uns Sorgen um unsere Klassenkameraden. Ob sie wohl bei diesem Wetter segeln konnten?

Etwas später sah es so aus, als würde sich die Wolkendecke auflösen. Wir begannen Hoffnung zu schöpfen und Pläne für den Tag zu schmieden. Die Kinder packten ihre Sachen, während der Bauer das Frühstück brachte: Milch, Quark, Joghurt, Brot, Brötchen und Müsli - alles Öko, alles vom Feinsten, und unglaublich romantisch.

Leider hörte der Regen nicht auf und wir konnten nicht ewig warten, also machten wir uns reisefertig. Die Rucksäcke ließen wir zurück, die sollte Herr Beyer mit dem VW-Bus bringen. Manche Kinder hatten keinen Regenschutz dabei, daher nahmen wir blaue Müllsäcke und schnitten Löcher für Kopf und Arme hinein. Auch ich musste mich dieser Prozedur unterziehen. Nun waren wir geschützt und begaben uns hinaus in den strömenden Regen. Das Wandern ohne Rucksack erschien uns unendlich leicht. Der Regen prasselte auf unsere Müllsäcke und Regenhäute nieder, während wir lachend und scherzend dahinzogen. Einer, der sich nicht hatte überwinden können, auf das Kompostklo der Stöckenmühle zu sitzen (was tatsächlich ein Ort des Schreckens gewesen war), erleichterte sich im Freien und fühlte sich danach ausgesprochen wohl.

Lenny, der Hofhund der Stöckenmühle, hatte Freundschaft mit den Kindern geschlossen und folgte uns bis nach Möggingen, wo wir uns im Haus des BUND (Bund für Umwelt und Natur Deutschland) mit dem Biologen Kai Frank trafen. In diesem Haus gab es auch ein ordentliches Klo, was einige von uns mit echter Freude erfüllte. Herr Frank zeigte uns an einem Modell den Mindelsee und seine Umgebung und erklärte uns, was es mit diesem Naturschutzgebiet auf sich hatte. Lenny, der Hofhund, lag derweil auf dem Boden und wartete geduldig.

Anschließend ging Herr Frank mit uns zum Mindelsee um uns in der Natur zu zeigen, was wir am Modell besprochen hatten. Lenny folgte uns. Schließlich war Herr Frank fertig und wollte gehen. Er sagte, er nehme Lenny mit sich und werde den Salinger-Bauern verständigen. Dann befahl er Lenny, ihm zu folgen. Lenny jedoch schien plötzlich schwerhörig geworden zu sein. Derselbe Hund, der bisher jedem Ruf der Kinder gefolgt war, ignorierte den Naturschützer einfach. Da fasste Herr Frank ihn am Halsband, um ihn fortzuziehen. Lenny knurrte drohend. Herr Frank erschrak ein wenig, trat einen Schritt zurück und hakte seinen Regenschirm in Lennys Halsband um ihn daran zu ziehen. Lenny knurrte abermals und machte sich schwer. Nun war Herr Frank ratlos. Da hatten wir Mitleid mit ihm und gaben ihm einen von unseren Landjägern. Als Herr Frank die Wurst vor Lennys Nase hielt, sprang dieser freudig auf, wedelte mit dem Schwanz und folgte nun hoffnungsvoll dem leckeren Happen. Der Biologe war erleichtert und hatte etwas dazugelernt.

Die Gruppe der Segler konnte, wie wir später erfuhren, wegen des schlechten Wetters nicht auslaufen. Sie fuhr mit dem Bus nach Konstanz und ging ins Hallenbad. Die Boote waren in der Nacht mit Wasser voll gelaufen und mussten von den beiden Skippern gelenzt (ausgeschöpft) werden. Das meiste Wasser wurde mit Hilfe von Pumpen aus den Booten geschafft, ein kleiner Rest blieb als Handarbeit für die Kinder übrig - zum Üben.

Wir wanderten weiter nach Markelfingen, wo wir gegen 15:30 Uhr ankamen. Herr Beyer war bereits mit unseren Zelten eingetroffen und wir begannen mit dem Aufbau. Nach kurzer Zeit stand unser Lager. Das Küchenzelt bestand aus einer Plane, die zwischen Bäumen ausgespannt war. Unter dieser Plane waren an einer Leine unsere Schwimmwesten aufgehängt, darunter lag unser Gepäck. Wir richteten uns in den Zelten ein und erkundeten den Campingplatz. Etwas später begann der Küchendienst damit, das Abendessen vorzubereiten. Nach dem Essen führten die verschiedenen Gruppen ihre Sketche auf, in denen die Ereignisse der letzten Tage humorvoll dargestellt wurden. Die Nachtruhe trat an diesem Tag relativ früh ein.

Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf und wunderte mich, dass es so unheimlich still war. Niemand schrie, keiner lachte und Schnarcher waren auch nicht zu hören. Gerade als ich mich wieder wohlig auf die Seite legen wollte, ertönte ein ohrenbetäubender Lärm. Ein Zug donnerte heran und hielt mit quietschenden Rädern an der nahe gelegenen Bahnstation. Nach dem dritten Zug war es mit dem Schlafen vorbei. Später am Morgen erklärte mir eine mitleidige Seele, dass die meisten Campingplätze am Bodensee an der Bahnlinie liegen.

Die Kinder hatten von dem Spektakel nichts bemerkt, denn in den Zelten blieb es ruhig. Ich zog mich an und trat ins Freie. Die wunderbare Morgendämmerung entschädigte mich für den entgangenen Schlaf. Es lag leichter Dunst über dem See und die Seevögel gaben leise Laute von sich. Der Himmel klarte auf und die Wärme der Sonne wurde allmählich spürbar.

Fünfter Tag • 22. September 2000

Die beiden Skipper Stefan und Christoph hatten die Boote am Morgen nach Konstanz gebracht. Wir fuhren mit dem Zug dorthin und begaben uns zum Bundesbahnhafen. Als wir die Kutter erreicht hatten, mussten die Kinder die letzten Reste des Regenwassers lenzen. Dann setzten wir Segel und fuhren bei gutem Wind in Richtung Staad.

Nach einiger Zeit bemerkten wir, wie unser Skipper unruhig von einem Bein auf das andere trat. Er wirkte sehr aufgeregt und schließlich fragten ihn die Mädchen, was denn los sei. Er gab zunächst keine Antwort, sondern setzte seinen Tanz fort. Seine Kommandos, die er zuweilen hektisch hervorstieß, waren gespickt mit Fachausdrücken, die wir nicht kannten. Die Mädchen wurden immer neugieriger, kicherten und ließen den Skipper mit ihren Fragen nicht in Ruhe. Schließlich gestand er, dass er versäumt hatte, vor der Fahrt das stille Örtchen aufzusuchen. Nun war das Verhängnis über ihn gekommen und er musste diesen Höllentanz aufführen. Das erheiterte die Mädchen sehr, jedoch hatten sie Mitleid mit dem Ärmsten, denn es war noch ein weiter Weg bis zum Hafen. Der Skipper stand die ganze Strecke mannhaft durch, indem er tanzend das Ruder führte, bis wir schließlich den Landungssteg erreichten. Mit einem gewaltigen Satz sprang er an Land und verschwand. Erst nach geraumer Zeit kehrte er erleichtert wieder. Dies ist gewisslich wahr und kein Seemansgarn.

Auf dem Campingplatz in Staad erwartete uns Herr Beyer mit einer Hiobsbotschaft. In der anderen Gruppe, die zur gleichen Zeit auf der Stöckenmühle campierte, hatten einige der Mädchen heimlich Hyperventilationsspiele ausprobiert, das heißt, sie hatten sich bei angehaltenem Atem die Brust eine Zeit lang zusammenpressen lassen. Dabei war eines der Mädchen infolge der Sauerstoffüberversorgung des Gehirns aus der damit verbundenen Ohnmacht nicht mehr richtig zu sich gekommen. Sie hatte eine halbe Stunde lang fantasiert, wirres Zeug geredet und war ziellos durch die Gegend getaumelt. Herr Beyer, der Sanitäter vom Bergnot-Rettungsdienst, hatte an den Symptomen sofort den Ernst der Lage erkannt und mit seinem Handy den Notarzt gerufen. Zum Glück war nichts Schlimmes passiert und das Mädchen war nach einiger Zeit wieder wohlauf. Die anderen Kinder, die das Ereignis miterlebt hatten, waren zum Teil tief betroffen und hatten vor Angst geweint. Der Notarzt besprach die Situation mit den Kindern und führte ihnen vor Augen, wie leichtsinnig sie ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt hatten. Möglicherweise war dies ein heilsames Erlebnis gewesen.

Der Abend auf dem Campingplatz in Staad verlief sehr ruhig und ausgesprochen schön. Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut, eingerichtet und danach zu Abend gegessen hatten, holte der Skipper Stefan seine Gitarre hervor und begann zu spielen. Die Mädchen und einige der Jungs sangen bis etwa 22:00 Uhr. Über uns leuchteten die Sterne in wunderbarer Pracht, die Milchstraße war zu sehen und es war sehr romantisch. Gegen 23:00 Uhr lagen alle in den Zelten, es wurde eine ruhige Nacht.

Sechster Tag • 23. September 2000

Als ich gegen 6:30 Uhr erwachte, war ein herrlicher, sonniger Tag angebrochen. Ich genoss die wunderbare Atmosphäre noch eine Weile, bevor ich gegen 7:30 Uhr die Kinder weckte.

Als ich unsere Vorräte inspizierte, stellte ich fest, das die letzte Maultasche, die am Abend zuvor einsam in einem Topf zurückgelassen worden war, in der Nacht noch einen Liebhaber gefunden haben musste, denn sie war weg. Wir nahmen unser Frühstück ein, packten die Rucksäcke und bauten die Zelte ab. Anschließend gingen wir zum Hafen. Auf dem Steg zu den Booten geschah ein kleines Unglück. Eines der Mädchen hatte die Schwimmwesten nicht ordnungsgemäß angelegt und ich rief ihr zu, dies nachzuholen. Es war Gelächter unter den Mädchen zu hören, man nahm die Sache nicht so recht ernst. Plötzlich verlor eine von ihnen das Gleichgewicht und stürzte samt Gepäck ins Wasser. Zum Glück hatte sie die Schwimmweste an, sonst wäre sie vor Schreck untergegangen. So konnte sie rasch nach ihren versinkenden Sachen greifen und sich dann von uns retten lassen. Nachdem sie sich umgezogen hatte, versprachen alle anwesenden Kinder, in Zukunft die Anweisungen der beiden Skipper genauestens zu beachten. Manchmal ist ein kleines Missgeschick wirkungsvoller als die beste pädagogische Maßnahme.

Kurz darauf stachen wir in See. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, aber der Wind ließ zu wünschen übrig. So entschlossen wir uns, die vier vorhandenen Riemen (Ruder) einzulegen und das Schiff aus eigener Kraft anzutreiben. Ich schlug den Takt wie auf einer alten Galeere und die Kinder bewegten die Ruder im vorgegebenen Rhythmus. Wir machten gute Fahrt. Schließlich kam Wind auf und wir hissten die Segel.

Judith hatte an diesem Tag Geburtstag. Stefan, der Käpten, hatte Schokoküsse dabei und die Mädchen sangen auf hoher See Geburtstagslieder. Judith war sehr gerührt.

Am Nachmittag trafen wir in Klausenhorn ein und wussten, dass nun der letzte Abend unserer Expedition anbrechen würde. Ein wenig Wehmut war deutlich zu spüren. Wir lieferten unser Ölzeug im Rolandhaus ab und machten uns daran alles für den Abend vorzubereiten. Nachdem das Abendessen zubereitet und eingenommen worden war, begann der unterhaltsame Teil des Abends. Alle Gruppen führten ihre Sketche vor, wobei es darum ging, fünf Schlüssel zu einer Schatzkiste zu gewinnen. Der fünfte Schlüssel war eine Rechenaufgabe, die alle gemeinsam lösen mussten. Anschließend wurde die Schatzkiste geknackt: sie enthielt haufenweise Goldtaler.

Zur Krönung des letzten Abends hatten unsere Betreuer Süßigkeiten eingekauft. Herr Beyer warf die verschiedenen Tüten auf einen Tisch, worauf unter den Schülern ein unbeschreibliches Chaos losbrach. Es grenzte fast an Meuterei, was sich da abspielte. Alle stürzten sich mit ungezügelter Gier auf die süßen Schätze, drängten, stießen und rauften sich um die Beute, dass man glaubte, unter die Wölfe gefallen zu sein. Schließlich legte sich jedoch die Unruhe, man zog sich mit seiner Beute zurück, schuf noch den einen oder anderen notwendigen Ausgleich und wurde friedlich. Gegen 22:00 Uhr gingen alle zum Zähneputzen und anschließend zu Bett. Bald schliefen die Seebären und Wanderer friedlich dem kommenden Tag entgegen.

Siebter Tag • 24. September 2000

Der letzte Tag war angebrochen. Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen, bauten die Zelte ab und räumten auf. Vesperbrote für den langen Heimweg waren gerichtet und die Zeit der Abfahrt rückte immer näher. Um 12:45 Uhr kam unser Bus. Wir schafften das Gepäck zum Abfahrtsplatz, während einige noch halfen, das große Küchenzelt abzubauen. Dann verabschiedeten wir uns von unseren Weggefährten Herrn Munderich und Herrn Beyer und stiegen ein. Um 13:10 Uhr fuhren wir ab und waren etwa drei Stunden später zurück in der Zivilisation, wo die Eltern glücklich ihre Heimkehrer in die Arme schlossen.

Bernd Kettel

Tagebuch

... Dies ist mein Tagebuch über eine Klassenfahrt, wie ich sie zuvor noch nie unternommen habe. Es wurde niedergeschrieben in den wenigen stillen Stunden, die sich auf unserer Reise ergaben. Wir hatten uns auf ein Abenteuer eingelassen, das darin bestand, eine Woche lang mit Zelten zu Land und zu Wasser unterwegs zu sein und dabei zu lernen, unser tägliches Leben mit einfachen Mitteln zu gestalten.

Diese Klassenfahrt entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein für sozialpädagogisches Segeln Reutlingen e.V. [ mehr ]

 

Bernd Kettel
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Magellan vor Kap Horn (Schülerzeichnung)
Magellan vor Kap Horn (Schülerzeichnung)
Der Klassenfahrt waren Schilderungen der Fahrten von Magellan und Marco Polo vorausgegangen.
Der Klassenfahrt waren Schilderungen der Fahrten von Magellan und Marco Polo vorausgegangen.
Hier ist der Aufbau eines der beiden Kutter zu sehen, mit denen wir segelten. Sie gehörten ursprünglich zur Gorch Fock.
Hier ist der Aufbau eines der beiden Kutter zu sehen, mit denen wir segelten. Sie gehörten ursprünglich zur Gorch Fock.
Die Stationen unserer Reise zu Land und zu Wasser.
Die Stationen unserer Reise zu Land und zu Wasser.
Schülerzeichnung des alten, klapprigen Busses.
Schülerzeichnung des alten, klapprigen Busses.
Im Bus geht es lustig zu.
Im Bus geht es lustig zu.
Eingang zum Campingplatz in Wallhausen.
Eingang zum Campingplatz in Wallhausen.
Die Schüler laden ihr Gepäck ab.
Die Schüler laden ihr Gepäck ab.
Schüler beim Zeltaufbau.
Schüler beim Zeltaufbau.
Schüler am Badestrand.
Schüler am Badestrand.
Das Segeln auf den Zweimastern machte den Schülern großen Spaß.
Das Segeln auf den Zweimastern machte den Schülern großen Spaß.
Die Feldküche, einfach, aber sehr wirkungsvoll.
Die Feldküche, einfach, aber sehr wirkungsvoll.
Das Höllenklo der Stöckenmühle. Niemand wollte es benutzen. Die Bewohner der Stöckenmühle hatten ihr eigenes, sauber gekachltes Klo.
Das Höllenklo der Stöckenmühle. Niemand wollte es benutzen. Die Bewohner der Stöckenmühle hatten ihr eigenes, sauber gekachltes Klo.
Die Scheune, in der wir übernachteten.
Die Scheune, in der wir übernachteten.
Der kleine, feuchte Campingwagen.
Der kleine, feuchte Campingwagen.
Der Käptn geht an Bord.
Der Käptn geht an Bord.
Schülerin stürzt samt Gepäck ins Wasser.
Schülerin stürzt samt Gepäck ins Wasser.
Alle Mann an Bord!
Alle Mann an Bord!
Die Kutter Shalupp und Shalom wurden komplett von den Schülern bedient - der Käptn gab nur die Anweisungen.
Die Kutter Shalupp und Shalom wurden komplett von den Schülern bedient - der Käptn gab nur die Anweisungen.
Bei gutem, stetigem Wind gab es an Bord wenig zu tun. Die Mädels scherzten, sangen und nahmen Sonnenbäder.
Bei gutem, stetigem Wind gab es an Bord wenig zu tun. Die Mädels scherzten, sangen und nahmen Sonnenbäder.
Das selbst zubereitete Essen aus der Feldküche wurde im Freien auf einfachen Holzbänken eingenommen.
Das selbst zubereitete Essen aus der Feldküche wurde im Freien auf einfachen Holzbänken eingenommen.
Schüler beim Versuch, ein Feuer ohne Papier zu entfachen.
Schüler beim Versuch, ein Feuer ohne Papier zu entfachen.
Bei der Ankunft auf der Stöckenmühle zog ein schweres Gewitter auf und es lag noch viel Heu im Freien herum, das in die Scheune verfrachtet werden musste. Die Schüler setzten sich begeistert ein.
Bei der Ankunft auf der Stöckenmühle zog ein schweres Gewitter auf und es lag noch viel Heu im Freien herum, das in die Scheune verfrachtet werden musste. Die Schüler setzten sich begeistert ein.
Lagebesprechung on the Road - Herr Munderich und ich.
Lagebesprechung on the Road - Herr Munderich und ich.
Die Segelausrüstung und das Gepäck auf dem Campingplatz Märkelfingen.
Die Segelausrüstung und das Gepäck auf dem Campingplatz Märkelfingen.