Erarbeitung eines Achtklass-Spiels
Der Verschwender
von Ferdinand Raimund
Mit einem Klassenspiel ist es wie mit einem guten Essen: es bedarf langer Vorbereitung und nicht unerheblicher Mühe und Sorgfalt, um den Gaumenschmaus zuzubereiten und dann ist das Erlebnis des Genusses innerhalb kurzer Zeit vorüber. Auch beim Klassenspiel neigt man gerne dazu, den Wert desselben in der Aufführung zu sehen, denn darin offenbart sich für den Zuschauer die Summe aller vorangegangenen Anstrengungen. Ich möchte deshalb mit Ihnen einen Blick hinter die Kulissen werfen, um Ihnen die vielfältigen pädagogischen Ansatzpunkte zu zeigen, die in einem solchen Unternehmen liegen.
Als der Termin für das Klassenspiel festgelegt wurde, waren die Achtklässler noch keine solchen, sondern blickten erst von der siebten Klasse aus hoffnungsvoll auf die achte Klasse hin. Von großen Bühnenstücken hatten sie keine Ahnung. Es sollte nur ein "richtiges" Stück sein, spannend, heiter und besinnlich. Und tolle Rollen sollte es enthalten - natürlich für jeden Schüler. Da begann die erste Schwierigkeit. Welches Stück hat schon 35 tolle Rollen und eignet sich gleichzeitig für Dreizehn- bis Fünfzehnjährige? Ein häufig gewählter Ausweg aus diesem Dilemma besteht darin, die Klasse zu teilen und ein Stück mit zwei verschiedenen Besetzungen zu spielen. Das kann gut gehen, aber der Arbeitsaufwand vergrößert sich spürbar, und es liegt in dieser Lösung das Risiko der Konkurrenz und der Spaltung einer Klasse in die "Besseren" und die "Schlechteren". Mir war wichtig, die ganze Klasse im Hinblick auf ein großes Ziel zu gemeinsamer Leistung anzuspornen und sie zu einem Erfolg zu führen, auf den sie mit Stolz zurückblicken konnte. Aber auch diese Lösung birgt ein Risiko: Es darf im entscheidenden Moment einfach niemand ausfallen. Letztendlich aber wird diese Entscheidung immer abhängen von dem Stück, das man auswählt.
Eine weitere Schwierigkeit besteht oft darin, wie Klassenspiele im Kollegium gesehen werden. Immer wieder betonen Fachlehrer, die Ausfälle, bedingt durch die Probenarbeit vor allem in der Endphase, seien nicht hinnehmbar, es entstehe durch das ständige Kommen und Gehen der einzelnen Gruppen eine starke Unruhe im normalen Unterrichtsablauf und es könne zeitweise nichts Neues mehr angefangen werden, weil in den Fachstunden, vor allem im letzten Drittel der Probenarbeit, nur noch selten alle Schüler beisammen sind. Außerdem habe es zu Rudolf Steiners Zeiten keine Klassenspiele in den heute vielfach üblichen Dimensionen gegeben. Immer wieder wird der Ruf nach schlichteren Inszenierungen oder der Beschränkung auf szenische Auszüge laut, damit der reguläre Unterricht nicht so sehr gestört werde. Zudem sind nicht wenige Kollegen der Meinung, Achtklässler seien mit regulären Theaterstücken überfordert, weil sie das, was seelisch für so ein Spiel erforderlich ist, noch nicht zur Verfügung haben. Man müsse ihnen sozusagen noch „seelisch die Hand führen“, damit sie die Szenen für das Publikum interessant darstellen können. Jeder, der schon einmal so ein Spiel mit Achtklässlern einstudiert hat, weiß, dass diese Einwände nicht von der Hand zu weisen sind.
Auf der anderen Seite haben sich Acht- und Zwölftklass-Spiele zu Glanzlichtern entwickelt, mit denen sich die Waldorfschulen gerne öffentlich zeigen. Die Schüler arbeiten an der Sprache wie nie zuvor, sie gewinnen an Ausdrucksfähigkeit und Klarheit und sie tun Dinge, die sie sonst kaum tun würden. So gesehen kann ein Achtklass-Spiel auch zum pädagogischen Schatzkästlein werden, wenn alles gut läuft.
Wendet man sich als Klassenlehrer dem Spiel einer achten Klasse zu, steht man zwangsläufig vor dem Dilemma solcher konträren Sichtweisen. Man kann sicher durch geschickte Organisation manche Härten mildern, aber ganz ausräumen lassen sie sich nicht. In meinem Fall überließen mir die Kollegen die Freiheit der Entscheidung, aber natürlich auch die Last der Verantwortung.
Die Auswahl des Stückes
Es gingen mir ganz verschiedenartige Stücke durch den Kopf – Dramen wie „Wilhelm Tell“ beispielsweise, oder Komödien wie „Einen Jux will er sich machen“. Auch die Klasse erinnerte sich an die eine oder andere Aufführung an unserer Schule. Als an einer benachbarten Waldorfschule ein Achtklass-Spiel aufgeführt wurde, fuhren wir selbstverständlich hin. Aber all das half uns nicht wirklich. Ich spürte, dass eine Beziehung bestehen musste zwischen dem Stück, der Klasse und mir. Auf Erfahrungen der Schüler konnte ich mich dabei nicht verlassen, denn sie hatten keine mit echten Theaterstücken. Mir war auch klar, dass sie eigentlich von mir erwarteten, das passende zu finden, weil sie im Grunde ihres Herzens wissen wollten, ob ich sie richtig verstehe. Da fiel mir der Rat einer inzwischen verstorbenen Kollegin ein, die mir einmal den Dichter Ferdinand Raimund ans Herz gelegt hatte, besonders sein Stück „Der Verschwender“.
Ich folgte diesem Einfall, besorgte mir die Reclam-Ausgabe und begann zu lesen. Je weiter ich vordrang, desto deutlicher sah ich meine Klasse in den Rollen. Die Schüler befanden sich an der Schwelle zum dritten Lebensjahrsiebt, die Symptome der Pubertät waren schon deutlich erlebbar. Der Inhalt und die Aussage des Verschwenders schienen mir so gut zur Situation meiner Klasse zu passen, das mein Entschluss schon bald feststand: dieses Stück war das Richtige! Außerdem hatte ich ganz deutlich das Gefühl, dass die Schüler es lieben würden. Es enthielt Heiteres, Abenteuerliches, Romantisches und Märchenhaftes – eine Mischung, wie geschaffen für dieses Lebensalter. Und es bot jede Menge toller Rollen, große und kleine.
Worum geht es im „Verschwender“? Am besten lasse ich hier die Schüler selbst zu Wort kommen. Kurz vor der Aufführung fassten sie den Inhalt für das Programmheft folgendermaßen zusammen:
„ Das Theaterstück „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund handelt von dem jungen Julius Flottwell, der durch Erbschaft zu großem Reichtum gelangt. Er ist ein großzügiger, lebensfreudiger, aber auch leichtsinniger Mensch, der das Leben nur von seiner schönsten Seite sieht. Er veranstaltet elegante Partys und Jagdgesellschaften, verprasst sein Geld beim Glücksspiel und vertraut falschen Freunden und intriganten Untergebenen, die nur das eine Ziel verfolgen: ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Zwei Frauen spielen in Flottwells Leben eine große Rolle. Die Fee Cheristane, die aus Liebe zu ihm auf alles verzichtet und Amalie, die schöne Tochter des Präsidenten Klugheim. Sein Rivale auf diesem Felde ist der Baron von Flitterstein. Zwischen ihm und Flottwell kommt es zu einer erbitterten Auseinandersetzung, die in ein Duell mündet. Das gibt Flottwells Leben eine dramatische Wendung. Er flieht in einer stürmischen Nacht und Amalie folgt ihm in ein ungewisses Schicksal.
Während der Jahre in der Fremde verliert Flottwell alles. Amalie stirbt, sein Reichtum schmilzt dahin. Bettelarm und heruntergekommen kehrt er zwanzig Jahre später wieder nach Hause zurück. In der Stunde tiefster Verzweiflung darf er erkennen, dass er in all den Jahren auch echte Freunde hatte. Jetzt sind sie für ihn da und reichen ihm die Hand. Wird ihm das Leben eine zweite Chance gewähren?“Schüler der 8. Klasse
Als ich den Schülern das Stück vorstellte, waren keine Einwände zu hören. Aus meinen Schilderungen konnten sie entnehmen, dass das Stück alles hatte, was sie erwarteten und sie schickten sich bereitwillig in die Vorbereitungsarbeiten.
Die Erarbeitung des Stückes
Zunächst musste die Klasse das Stück kennen lernen. Da bis zu den Sommerferien nicht mehr viel Zeit war, teilten wir die Anzahl der Szenen durch die Anzahl der Schüler und jeder schrieb von seinem Teil eine kurze Zusammenfassung, die dann im Unterricht vorgetragen wurde. Auf diese Weise erhielten wir einen raschen Überblick über den Inhalt und die Rollen. Erstaunlicherweise gab es bei der Rollenverteilung kaum Schwierigkeiten. Ich ließ die Schüler Vorschläge machen, verglich diese mit meinen eigenen Vorstellungen und konnte erfreut feststellen, dass nur wenige Differenzen bestanden, die wir jedoch in gegenseitigem Einverständnis ausräumten.
Dazu gehörte zum Beispiel, dass wir nur fünf der insgesamt fast vierzig Rollen doppelt besetzten. Das lag vor allem daran, dass einige Schüler das Zeug dazu hatten, große Rollen zu übernehmen und dies gerne taten. Natürlich war es auch eine gewisse Absicherung gegen Ausfälle wegen Krankheit. Andere Schüler übernahmen Doppelrollen und hatten Spaß daran, während der Aufführung in verschiedenen Kostümen zu erscheinen.
Nachdem der Inhalt mit seinen verschiedenen Handlungssträngen klar und die Rollenverteilung geregelt war, ging es an das Kürzen des Stückes. Einerseits wurde alles, was für die Schlüssigkeit der Handlung nicht unbedingt erforderlich war, gestrichen. Es gab aber auch Szenen, welche die Schüler unbedingt spielen wollten, weil sie ihnen so gut gefielen. Rechtzeitig vor Ausbruch der Ferien war alles fertig und die Schüler versprachen, während der schulfreien Zeit schon mit dem Rollenstudium zu beginnen. Manche hielten sich tatsächlich daran.
Die Probenarbeit
Die eigentlichen Gründe, welche die monatelange, intensive Arbeit an einem Klassenspiel rechtfertigen, sind einerseits das Üben an der Sprache, die entwicklungsbedingt von den Jugendlichen dieses Lebensalters meistens stark vernachlässigt wird. Die Einbettung dieses Übens in einen für Schüler interessanten Zusammenhang, der den Einsatz und die Hingabe der ganzen Persönlichkeit erfordert, macht die Sache nicht nur für Schüler reizvoll. Außerdem müssen die Jugendlichen ihre Bewegungs- und Verhaltensgewohnheiten, die für dieses Lebensalter typisch sind, bis zu einem gewissen Grade aufgeben und in die Rolle eines Charakters schlüpfen, der mit ihnen nicht unbedingt etwas zu tun hat. Das kann eine hilfreiche Erfahrung in dem Prozess der Selbstfindung werden, den jeder Jugendliche durchmacht. Ein weiterer, wichtiger Grund liegt darin, dass alle Schüler der Klasse zu einem bestimmten Termin ihre gemeinsamen Anstrengungen auf den Punkt bringen und zu dem stehen müssen, was sie erarbeitet haben. Es geschieht immer wieder, dass ein solches Erlebnis eine Klasse in besonderer Weise zusammenschweißt.
Unmittelbar nach den Sommerferien fingen wir mit den Proben an. Das sah zunächst so aus, dass unsere Sprachgestalterin während des Hauptunterrichtes und später auch während der Fachstunden einzelne Schüler oder ganze Gruppen zu sich holte, um mit der sprachlichen Erarbeitung verschiedener Szenen zu beginnen. Es schien mir auch wichtig, von Anfang an Etappenziele zu setzen. Eines davon war, dass bis zu den Herbstferien jeder seine Rolle ohne Textheft können musste. Diese Forderung erfüllten einige Schüler schon vor der gesetzten Frist, natürlich nicht alle - manche auch noch bis Weihnachten nicht. Andere Ziele waren zum Beispiel die Durcharbeitung der verschiedenen Aufzüge oder die Fertigstellung des Bühnenbildes beziehungsweise der Kulissen.
Die Erarbeitung der Gesten kostete einige Mühe, weil diese Art der Bewegung in keinster Weise dem entspricht, was ein Achtklässler bei seiner gewohnten Art der Unterhaltung an minimalistischer Bewegungspalette erkennen lässt. So nach und nach sahen die geplagten Schüler ein, dass diese Art der Bewegung für den Zuschauer eine große Hilfe ist. Sie begannen zu begreifen, dass darin ein Teil des "Schau-Spielens" besteht und fortan beobachteten sie einander während der Probenarbeiten - sowohl beim Sprechen als auch bei der Bewegung - und korrigierten einander mit wachsender Sachkenntnis.
Bühnenbild, Kulissen und Kostüme
Schon am Ende der siebten Klasse hatten wir uns überlegt, wie das Bühnenbild aussehen sollte: ein heiterer, jedoch leicht bewölkter Himmel, liebliche Hügel und Wiesen vor dem Hintergrund steiler Felsen und schroffer Abgründe. Das Innenleben der verschiedenen Personen des Stückes sollte zusammenklingen mit den Erscheinungsformen der Landschaft. Mehrere Schüler erklärten sich bereit, am Ende der Sommerferien in die Schule zu kommen, um bei der Fertigstellung des großen Bildes mitzuhelfen, denn groß war es im wahrsten Sinne des Wortes: etwa 100 m2 Leinwand hatten wir zu füllen. Die endgültige Fassung des Bühnenbildes wurde als Strichzeichnung auf eine Folie übertragen und mittels Tageslichtprojektor auf die Leinwand gestrahlt. Dann kletterten wir auf das vorbereitete Gerüst und zeichneten das vergrößerte Bild nach. Anschließend mischten wir die verschiedenen Farbtöne und machten uns an die Arbeit. Das war gar nicht so einfach, weil man vor einem so großen Gemälde leicht die Übersicht verliert. Immer wieder mussten wir zurücktreten um das Ganze ins Auge zu fassen, schließlich setzten sich abwechselnd Schüler in die hinteren Reihen des Saales um auszuruhen und durch Zurufe die Arbeit am Bild zu koordinieren.
Als der Rest der Klasse das fertige Bild zum ersten Mal erblickte, fühlten sich alle impulsiert und begeistert. Man konnte jetzt die Landschaft des Stückes gewissermaßen betreten. Die Pläne für die Kulissen der einzelnen Szenen wurden ausgearbeitet und wir begannen nach den Weihnachtsferien, den Keller der Schule nach brauchbaren Teilen zu durchsuchen. Was noch fehlte, stellte einer unserer Werklehrer mit ein paar Schülern zusammen, einige Stücke lieh uns das Landestheater Tübingen.
In dieser Zeit wurden die ersten Kostüme anprobiert, die unsere Handarbeitslehrerin zusammen mit Schülern genäht hatte. Dies war ein weiterer Umstand, der die Probenarbeit deutlich intensivierte. Es wurde spürbar, wie die Schüler in zunehmendem Maße in ihre Rollen hineinschlüpften und darin zu leben begannen. Zu guter Letzt stellten unsere Chef-Beleuchter zusammen mit zwei Schülern der Klasse noch die Beleuchtung ein. Zu diesem Zeitpunkt war uns die Szenerie des Stückes so geläufig, dass wir uns im Schlaf darin hätten zurechtfinden können.
Musik und Tanz
Schon in der Vorbereitungsphase hatte mich unsere Musiklehrerin auf die musikalische Seite des Stückes hingewiesen und sich bereit erklärt, mit den Schülern der achten Klasse die notwendigen Lieder einzustudieren. Ganz wohl war mir bei dem Gedanken nicht, denn ich hatte bei anderen Gelegenheiten die Antipathie pubertierender Jugendlicher gegen kraftvolles, klares und vor allem öffentliches Singen erlebt. Da die Musiklehrerin jedoch sehr zuversichtlich war, stimmte ich zu und nahm mir fest vor, auch dieser Seite des Stückes zu gebührendem Glanz zu verhelfen, soweit es in meinen Kräften stand. Erschwert wurde die Sache dadurch, dass zwei Schüler solistisch auftreten mussten. Tatsächlich erwies sich der musikalische Teil der Probenarbeit als der zäheste. Aber trotz teilweise erbitterten Widerstandes und heftiger Auseinandersetzungen gab es auch Momente gelöster Heiterkeit, in denen die Klasse eine andere, für manche neue Qualität des Singens erlebte. Als dann gar die Solisten zum ersten Mal kräftig und klar allein vor versammelter Mannschaft sangen, lachte niemand, Staunen und ehrliche Bewunderung stellten sich ein, und es wurde jedem deutlich, dass es die Aufgabe aller war, die musikalische Seite des Spiels zu unterstützen. Keiner durfte sich entziehen, zumal der Termin der Aufführung unaufhaltsam näher rückte.
Eine der Szenen, die ein rauschendes Fest darstellte, erforderte die Einstudierung eines spanischen Tanzes. Durch die Vermittlung einer Schülermutter machten wir die Bekanntschaft einer echten spanischen Flamenco-Tänzerin. Als die Schüler, die sich bereit erklärt hatten, den Tanz zu erarbeiten, dieser Dame zum ersten Mal begegneten, waren sie sofort Feuer und Flamme. Die Spanierin gewann ihre Herzen im Sturm und die Probenarbeit gestaltete sich problemlos, man kann sogar sagen, dass die Schüler sich jedes Mal sehr darauf freuten und keine Mühe scheuten um teilnehmen zu können.
Die Aufführung
Als die Aufführungswoche anbrach, wurden erste Anzeichen von Lampenfieber spürbar. Diese zeigten sich zunächst in gesteigerter Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit in Bezug auf alles, was mit dem großen Ereignis zu tun hatte. Die Schüler begannen weitgehend selbständig für Requisiten, Kulissen und Organisatorisches zu sorgen. Natürlich stieg auch der Verbrauch an Kuchen, Butterbrezeln, belegten Broten und Getränken sprunghaft. Am Morgen der Schüleraufführung glichen die Räume hinter der Bühne einem Ameisenbau, in welchem sowohl aufgeregte Schüler als auch gereizte, "Ruhe" brüllende Lehrer herumwuselten und unaufhörlich nach dem Rechten sahen. Verzweifelte Rufe wie "ich weiß nicht was ich sagen soll...", "wo ist meine Pistole?" oder "ich habe so entsetzlich Durst!" schwirrten durch die Luft und hörten erst auf, als der Vorhang sich öffnete. Jetzt war der Moment gekommen, wo sich bewähren musste, was wir in harter Arbeit geübt hatten. Jetzt gab es kein Zurück mehr und alle setzten sich mit ganzer Kraft ein. Nach jeder gelungenen Szene wurden die jeweiligen Spieler hinter der Bühne beglückwünscht, das Publikum ging hervorragend mit und im Verlauf des Spieles wuchs die Zuversicht. Als dann am Ende der rauschende Beifall aufbrandete, strahlten die Schauspieler aus allen Knopflöchern. Jetzt sah man der öffentlichen Aufführung vertrauensvoll entgegen.
Allerdings erlebte die Klasse, dass die Erwachsenen am nächsten Abend zum Teil völlig anders auf das Stück reagierten als die Schüler, was zu unerwarteten Momenten im Spielverlauf führte, wodurch die prickelnde Atmosphäre des Neuen und Einzigartigen hier und da noch einmal aufblitzte. Die Klasse genoss das Hochgefühl des Erfolges, vergessen waren alle Mühen und Plagen, ja, man spielte mit dem Gedanken, eine Tournee zu unternehmen oder gar gleich ein neues Stück einzustudieren. Aber wie gesagt, mit dem Klassenspiel ist es wie mit dem Essen: zu viel schafft Überdruss und Unbehagen.
So begab sich die Truppe zurück in den grauen Schulalltag, denn es galt, den gewohnten Arbeitsrhythmus wieder zu finden, der uns durch die intensive Probenarbeit etwas abhanden gekommen war. Eine große, gemeinsame Anstrengung war durch vier schöne Aufführungen gekrönt und die Klasse dadurch reifer geworden. Aber erst durch die tägliche Unterrichtsarbeit gewannen wir den nötigen Abstand, wir blickten heiter auf das Gewesene zurück und merkten, dass die Erinnerung an unser Spiel sich allmählich zu vergolden begann.
Bernd Kettel
Das Bühnenbild
Hier sehen Sie in einzelnen Schritten, wie das große Bühnenbild entstand. Es wurde fast ausschließlich von Schülern gestaltet, nur hier und da musste ich selbst Hand mit anlegen, zum Beispiel beim Gerüstbau und bei der Sicherung, denn das Bühnenbild war etwa 12 Meter hoch.
Die Schüler waren von der Arbeit fasziniert und kamen freiwillig an den Wochenenden, um das gewaltige Werk zu vollenden.

- Bernd Kettel













