Sozialpraktikum in Klasse 11
In der 11. Klasse erwacht im Jugendlichen ganz allgemein die Frage nach der eigenen Person; wer man ist als Individuum will erspürt werden, aber auch, wofür sich einzusetzen man geeignet ist. Die Frage nach sich selbst möchte auch den Menschen an und für sich kennen lernen. Wo sind Ideale, denen nachzustreben sich lohnen würde?
Das Sozialpraktikum Ende der 11. oder Anfang der 12. Klasse führt die Jugendlichen in Gruppen in heilpädagogische Heime, wo sie 14 Tage lang das Leben mit Betreuern und Betreuten so vollständig wie nur möglich teilen. Es sollte schon dieses Alter erreicht sein, denn die Begegnung mit seelenpflegebedürftigen Menschen kann rechte Stürme auslösen; andererseits betritt der Praktikant keine Situation, in der er nicht von kompetenten Könnern begleitet wäre. Es lösen sich viele Fragen: Was ist normal? Wo ist die Grenze der Normalität zu ziehen? Wie sollte menschliches Zusammenleben wirklich funktionieren? In einer solchen Situation kann ein Bild des Menschen entstehen und eine Frage nach dem Sinn des Leidens. Immer aber sind solche Wochen auch Bewährungsproben für den Praktikanten selber. Wo steht er und wo liegen seine Grenzen der Normalität?
Oft wird gerade dieses Praktikum als eine seelische Ur-Erfahrung und Bereicherung sehr hoch geschätzt; zuweilen wurde das Zusammenleben in den Heimen als überhaupt menschlich vorbildhaft empfunden.
Herbert Reichardt